"Der Wolf hat unendliches Leid gebracht"

Das Shetlandpony Caesar war am nördlichen Ortsrand von Lehrte-Immensen zu Hause.
 
Der grausige Fund am Donnerstagmittag voriger Woche.

Emotional geladene Stimmung nach dem Tod des Ponys Caesar

Immensen (gg). Offensichtlich sind Wölfe nicht nur, wie bisher vermutet, in der Nacht oder in der Dämmerung rund um die Dörfer auf der Jagd, sondern jetzt am Tag und dicht am Ortsrand. Das Shetlandpony mit dem Namen Caesar wurde auf einer umzäunten Wiese 1.400 Meter nördlich von Immensen zur Beute. So geschehen am Donnerstagvormittag voriger Woche. Besitzerin Melanie Schaper fand den Kadaver mit erkennbaren Wunden an der Kehle und raus gerissenem Gedärm. Mittags bei 30 Grad Sommerhitze war der Bauch noch nicht aufgegast, das Gedärm noch nass, das Zahnfleisch noch rosa und das Blut noch nicht geronnen – Belege für die Tötung kurz zuvor.
Der zuständige Wolfsberater Thomas Behling, ehrenamtlich tätig und beauftragt vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Naturschutz, war am selben Tag an der Fundstelle und bestätigt: „Mit hoher Wahrscheinlichkeit hat ein Wolf das Pony getötet. Ich wüsste nicht, was es sonst gewesen sein könnte.“ Die Art der Verletzungen seien typisch, er habe DNA-Spuren gesichert. Diese werden über den Landesbetrieb zur Analyse zum spezialisierten Institut in Hessen geschickt. Ein Ergebnis ist in den nächsten Tagen zu erwarten. Thomas Behling weiß von zwei Wölfen, die dauerhaft im Burgdorfer Holz leben. Das sei über Wildkameras nachgewiesen. Zuletzt habe er selbst am 3. Mai morgens früh im Wald einen Wolf gesehen. Er erklärt: „Es mag sein, dass weitere Wölfe durchziehen.“ Auf Marktspiegel-Nachfrage, wie das Wolf-Ereignis in Immensen auf ihn gewirkt habe, sagt Thomas Behling: „Es ist grauenhaft, wenn ein Halter sein geliebtes Tier so findet.“ Melanie Schaper sagt: „Ich bin in einem Schockzustand. Der Wolf hat unendliches Leid über mich gebracht.“ Die Vorstellung, wie ihr Caesar mit dem Tod kämpfen musste, liege ihr schwer auf der Seele. Zudem habe der Wolf jahrelange Arbeit zunichte gemacht. In fünf Jahren sei auf der besagten Wiese nach und nach ein „Offenstall mit vorbildlicher artgerechter Pferdehaltung“ entstanden. „Nun ziehen wir weg, die Pacht für die Wiese müssen wir weiterhin zahlen und all die mühevoll aufgebaute Ausstattung aus Holz stehen lassen“, erklärt sie. Mit allen rechtlichen Mitteln will sie jetzt gegen die Vorgaben der Landesregierung zum Schutz des Wolfes vorgehen. Sie sagt: „Mein Pony soll nicht umsonst gestorben sein. Es muss sich etwas ändern. Inzwischen gibt es zig vom Wolf gerissene Haustiere. Es sind einfach zu viele.“ Längst gebe es zwei emotional-aggressive Lager, die Wolfsbefürworter und die Gegner, die sich via Facebook drohten, so die Erfahrung von Melanie Schaper. Jetzt sei ihr angekündigt worden, man wolle ihr „das Dach über dem Kopf anzünden“, wenn sie etwas gegen die Wölfe unternehme.

Zum Hintergrund: Auf der Internetseite des Umweltministeriums sind die häufigsten Fragen zum Wolf beantwortet und es gibt eine detaillierte Handlungsanweisung für Menschen, die dem Wolf begegnen.
Gleichzeitig wird betont: „Von gesunden Wölfen geht in der Regel keine Gefahr für den Menschen aus. Wolfswelpen, die sich mit neun Monaten von erwachsenen Tieren anhand der Größe kaum noch unterscheiden lassen, sind allerdings sehr neugierig und oft deutlich weniger auf Abstand zum Menschen bedacht“.
In Niedersachsen gibt es 26 Wolfsrudel, fünf Wolfspaare und einen residenten Einzelwolf. Bei einem Rudel geht man von unter zehn Einzeltieren aus, daher schätzt man die Anzahl der Wölfe in Niedersachsen auf rund 240 Tiere. 28 tot gefundene Wölfe listet der Landesbetrieb für 2019, zehn Wölfe wurden seit Januar 2020 tot gefunden, fast alles Jährlinge, einer davon in der Region Hannover an der B6, zwischen Frielingen und Neustadt-Bordenau.
Der Wolf darf weder getötet noch verletzt oder verfolgt werden. Bei Missachtung drohen hohe Geld- und sogar Haftstrafen. Nach zunächst inselhaftem Haustierschutz ist seit zweieinhalb Jahren in ganz Niedersachsen sogenannter „wolfsabweisender Grundschutz“ nötig. Für Pferde und Rinder müssen Mindeststandards der Einzäunung nach guter fachlicher Praxis eingehalten worden sein, um die sogenannten Billigkeitsleistungen, also den wirtschaftlichen Ausgleich der vom Wolf verursachten Verletzungen oder Tötungen der Haustiere beantragen zu können. Zahlungen erfolgen nur bis zur Höhe des jeweiligen Tierwertes und nur für Schafe, Ziegen, Gatterwild, Rinder, Pferde, Hütehunde sowie Herdenschutztiere.
Klar wird vom Ministerium der von Wölfen verursachte Schaden benannt und damit einkalkuliert: „Der Wolf ernährt sich in Deutschland in erster Linie von Rehen und Hirschen, gefolgt von Wildschweinen, Damwild, Muffelwild, Hasen, kleinen und mittelgroßen Säugern sowie gelegentlich auch von Nutztieren.“
Im Wolfsbüro des Landesbetriebs sind nach eigenen Angaben sieben Vollzeitkräfte und zwei Teilzeitkräfte beschäftigt, hinzu kommen drei Mitarbeiter im Umweltministerium, die im Aufgabenbereich Wolf tätig sind. Nur für Laborarbeit sind im Jahr 2019 rund 126.000 Euro und für 171 tote, verletzte und verschollene Nutztiere Billigkeitsleistungen in Höhe von rund 42.000 Euro gezahlt worden.
Nach Angaben des Vereins Landvolk sind im Jahr 2020 nur in Niedersachsen jetzt schon mehr als 500 Haustiere von Wölfen gerissen worden. Das sind pro Tag im Schnitt mindestens drei. Landvolk-Vizepräsident Jörn Ehlers spricht in einer internen Veröffentlichung von einer „Liste des Grauens“ und fordert eine neue Wolfsverordnung, die den Abschuss ermöglicht.