"Haben gezeigt, dass wir viel Potenzial haben"

United-Trainer Martin Kluck reagiert während des EuroCup-Viertelfinalspiels von Hannover United gegen den späteren Sieger BSR ACE Gran Canaria. (Foto: T. Lobback)

Hannover United: Interview mit Trainer Martin Kluck

Hannover. Rollstuhlbasketball-Bundesligist Hannover United hat seine EuroCup-Premiere auf Platz 5 beendet. Im Interview spricht Trainer Martin Kluck über sein sportliches Fazit, Hürden bei der erstmaligen Ausrichtung eines großen, internationalen Turniers und den Abgang von Amit Vigoda.

Martin Kluck, ein hartes EuroCup-Wochenende liegt hinter Ihnen und Hannover United. Haben Sie sich am Montag ein wenig erholt?
Ich habe es zumindest versucht. (lacht) Am Montag habe ich lange gebraucht, um gut in den Tag zu starten. Es ist der Klassiker: Wenn das Stresslevel wochenlang sehr hoch ist, merke ich, dass ich etwas angeschlagen bin, sobald der Stress abfällt. Am Dienstag ging es aber schon viel besser. Jetzt steht alles das an, was rund um den EuroCup liegen geblieben ist. Außerdem werden meine Frau und ich in Kürze wieder Eltern. Weil wir nicht genau wissen, wann es losgeht, will ich die Arbeit nicht allzu lange vor mir herschieben, sondern versuchen, so viel wie möglich wegzuschaffen.

Hannover United hat bei seiner EuroCup-Premiere zwei Siege und Platz 5 gefeiert. Das Viertelfinale ging zuvor gegen den späteren Sieger BSR ACE Gran Canaria verloren. Wie lautet Ihr sportliches Fazit?
Ich bin auch mit einem Tag Abstand sportlich sehr zufrieden. Für ein junges Team, das in diesem Bereich sehr unerfahren ist - für viele Spieler und auch für mich waren es die ersten internationalen Spiele auf Vereinsebene -, haben wir gezeigt, dass wir viel Potenzial und Qualität haben. Wir haben drei gute Leistungen aufs Feld gebracht. Dass Gran Canaria besser war und verdient gewonnen hat, ist keine Frage. In den anderen beiden Spielen haben wir uns sehr gut verkauft. Mir ging es in erster Linie nicht um die Ergebnisse, sondern darum, dass wir viel Kontrolle über das Spiel ausüben. Das ist uns in weiten Phasen gut gelungen und war dann Grundlage für die Erfolge. Gran Canaria ist sicherlich eine Mannschaft, bei der es uns weiterhelfen würde, wenn wir häufiger gegen sie spielen. Ich glaube, dass wir von zehn Begegnungen drei bis vier gewinnen können. Aber die Erfahrung und Klasse von Gran Canaria hat am Freitag den Ausschlag gegeben.

Einen Wermutstropfen gibt es: Mit Amit Vigoda verlässt der beste United-Werfer des Turniers nach einer Saison den Verein. Der 19-Jährige geht nach Tel Aviv, weil er an einer renommierten Universität einen Studienplatz bekommen hat. Beim Finale haute Vigoda für sein ehemaliges Team Ilan Ramat Gan auf die Pauke. Ein schmerzlicher Verlust.
Absolut. Amit hat gezeigt, was für ein Potenzial er hat. Er hat sich seit seiner Ankunft im Oktober kontinuierlich gesteigert und jetzt ein wirklich sehr gutes Turnier gespielt. Er ist zurecht ins All-Star-Team gewählt worden. Amit passt aber nicht nur sportlich, sondern auch menschlich sehr gut ins Team. Für seine 19 Jahre bringt er eine sehr professionelle Einstellung mit für Spitzensport. Ich würde mich sehr freuen ihn irgendwann in der Zukunft wieder im United-Trikot sehen zu können.

Acht Teams haben in zwölf Begegnungen in Hannover um den goldenen Pokal gespielt. Da schaut man sich sicherlich das eine oder andere Spiel an, kommt mit der einen oder anderen Spielerin oder dem einen oder anderen Spieler ins Gespräch. Haben Sie einen potenziellen Vigoda-Ersatz gefunden?
Ich glaube nicht, dass wir Amit eins zu eins ersetzen können. Es gibt einfach nicht so viele Spieler, die Mischung aus seinen Skills, dem Talent und der Einstellung mitbringen. Aber wir sind nicht untätig. Erste Gespräche laufen. Unserem Ruf weltweit hat die erfolgreiche Ausrichtung und die sportlichen Auftritte sicherlich nicht geschadet - im Gegenteil.

Das Turnier war nicht nur die erste internationale Teilnahme ihrer Mannschaft. Der Verein hat den EuroCup auch ausgerichtet. Auf einer Pressekonferenz haben Sie gesagt, die Organisation eines solchen Turniers sei ein großer Schritt und Sie hofften, sich nicht zu übernehmen. Hat das geklappt?
Wir haben uns nicht übernommen, wir sind an der Herausforderung gewachsen. Sicherlich müssen wir uns eingestehen, dass wir das Wochenende noch besser hätten vorbereiten können. Natürlich passieren Fehler in der Vorbereitung auf ein solches Turnier. Das ist vielleicht auch der Unerfahrenheit geschuldet. Die Fehler haben wir aber mit viel Herzblut und Energie für die Sache auffangen können. Ich glaube, dass alle frohen Mutes nach Hause gefahren sind. Sollten wir nochmal die Gelegenheit bekommen, ein solches Turnier auszurichten, werden wir sicherlich die Aufgaben noch besser verteilen, um Belastungsspitzen zu verhindern.

Rund ums Turnier gab es nicht nur viel Lob für Hannover United als Ausrichter, sondern auch für den Ausrichtungsort. Nach dem Playoff-Halbfinale gegen den RSV Lahn-Dill ist United wieder in die Sporthalle des Gymnasiums Goetheschule gezogen. War der EuroCup ein Härtetest für eine Zukunft in Hannover-Herrenhausen?
Alle Zeichen aus der Mannschaft sprechen dafür, dass wir in der Goetheschule heimisch werden wollen. Wir fühlen uns dort sehr wohl, das hat sich auch an dem Wochenende nicht geändert. Damit es unser Wohnzimmer werden kann, müssen wir mal eine Saison dort gespielt haben. Aber ich bin sicher, dass das gelingen wird, sollten wir hier unterkommen dürfen. Der Anfang ist jedenfalls gemacht.

Hannover United hat eine Saison unter schwierigen Bedingungen gespielt: Viele Spielerinnen und Spieler haben an den Paralympics und der Europameisterschaft teilgenommen. Sie mussten im Team einen größeren Umbruch dirigieren, haben mit Jan Gans (zuvor zwei Jahre Pause) und Amit Vigoda (kam in der laufenden Saison vom US-College und benötigte Eingewöhnungszeit) zwei risikoreiche Lösungen gefunden. Im Laufe der Spielzeit hatte die Mannschaft mit diversen Corona-Infektionen zu kämpfen. Wie sehen Sie die Spielzeit?
Die Mannschaft ist mit den Umständen gereift und gewachsen. Wir haben aus den widrigen Umständen ganz viel rausgeholt. Es war nicht das Maximum, weil wir einige Spiele verloren haben, die wir nicht hätten verlieren müssen. Aber wir haben uns als Team Stück für Stück gefunden. Das Fazit ist daher absolut positiv und ich bin sehr stolz darauf, wie unsere junge Mannschaft die verschiedenen Herausforderungen gemeistert hat.

Nun ist erstmal eine längere Pause. Wie nutzen Sie die Auszeit?
Ich versuche, den Kopf vom Basketball freizubekommen. Das wird nicht einfach, weil noch einige Dinge anstehen. Aber es ist mal gut, keinen Trainingsplan schreiben und keine Sporttasche packen zu müssen. Was mir dabei hilft, ist meine Familie. Dort liegt mein Fokus in den kommenden Wochen und Monaten. Mit bald zwei Kindern möchte ich bestmöglich unterstützen und die Zeit zu Hause und im Garten genießen. Daraus werde ich viel Kraft ziehen, auch wenn die Nächte kurz werden. (lacht)

Bislang steht für die kommende Saison mit Vigoda ein Abgang fest. Mariska Beijer befindet sich noch in der Rekonvaleszenz nach der Corona-Infektion. Was für ein Team werden wir nach der Sommerpause sehen?
Wir werden auf jeden Fall wieder in der oberen Tabellenhälfte angreifen. Ich hoffe, dass wir einen guten Mix aus erfahrenen Leistungsträger und jungen Talenten haben werde. Das ist etwas, was uns die vergangenen Jahre ausgezeichnet hat und und weiter auszeichnen wird. Eine konkrete Verpflichtung können wir derzeit noch nicht vermelden.