Testballon wird zum Handballfest

Hendrik Pollex fühlte sich in seiner "alten Heimat" sichtlich wohl. (Foto: K. Bohn)
 
Der Block steht. Kai Lemike macht sich lang. (Foto: K. Bohn)

Dritte Handballliga Nord-Ost: TuS Vinnhorst schlägt Tabellenführer Dessau-Roßlauer HV mit 29:28

Hannover. Ein letzter Pfiff und es war kein halten mehr. Wildfremde Menschen lagen sich in den Armen, die Emotionen
überschlugen sich auf dem Feld und auf der den Tribünen. Aus den Lautsprechern der Swiss-Life-Hall dröhnte James Browns „I feel good“, und alles war eine einzige Jubeltraube. Man hätte sich diesen Tag nicht besser malen können. Stimmung, Leistung, Spielverlauf und Ergebnis machten aus einem kleinen Independent Film einen hochspannenden Blockbuster bei dem der TuS Vinnhorst gegen den Tabellenführer der dritten Liga, den Dessau- Roßlauer HV, das Happy End mit einem 29:28 (14:9) -Sieg auf seiner Seite hatte.
Im Vorfeld wusste niemand so recht, was man von diesem Event erwarten konnte. Vorsichtig optimistische Schätzungen beliefen sich auf eine Kulisse von etwa 1.500 Zuschauern und es sollte nur eine Tribünenseite öffnen. Mit Anpfiff waren etwa 2.800 Handballfans auf beiden Seiten verteilt. Und wenn sie noch keine Handballfans waren, dann sind sie es mit Sicherheit jetzt. Vor dem Spiel demonstrierten zunächst die etwa 200 Dessauer Fans, was es heißt, bei so einem Spiel Stimmung zu machen. Da ging so manch schüchterner Blick rüber in den Gästeblock. Mit wachsender Spieldauer kam dann aber auch das gesamte Publikum richtig in Fahrt und es entwickelte sich eine Dramatik, bei der das Drehbuch direkt aus Hollywood kommen musste.
Die Gäste, die so eine Kulisse eher gewohnt sind, kamen besser ins Spiel. Mit drei Toren in Folge von der vierten bis zur neunten Minute gingen die „Biber“ 5:2 in Führung. Aber dann kam der TuS. Vor allem die Deckung steigerte sich von Minute zu Minute und so war es dem bärenstarken Kreisläufer Milan Mazic vorbehalten, unter dem frenetischen Jubel der Zuschauer zum 6:6 auszugleichen. Spätestens jetzt war die Stimmung in der Halle von einem Bundesligaspiel kaum noch zu unterscheiden. Und das beflügelte die Heimmannschaft ungemein. Von der elften Minute bis zur Halbzeit kassierte das Team um Keeper Colin Räbiger nur drei weitere Gegentreffer. Auch im Angriff, unter der Regie von Spielmacher Florian Freitag, ließ man dem DRHV 06 durch schnelles, kreatives Spiel, mit dynamischen Kreuzbewegungen und viel Druck zum Tor kaum eine Chance und kam immer wieder zu guten Wurfmöglichkeiten. Bis zur Pause erspielte sich der TuS so einen hochverdienten 14:9 Vorsprung. Da bebten die Tribünen der Swiss-Life-Hall.
Nach dem Seitenwechsel stellten die Gäste ihr Angriffsspiel um und brachten dauerhaft einen siebten Feldspieler, um die Vinnhorster Deckung auseinanderzuziehen. Dies sollte sich auszahlen. Langsam aber sicher verkleinerte Dessau den Vorsprung des TuS. Zwar blieb die kämpferische Leistung überragend, aber nun zeigte sich auch die Klasse des Tabellenführers. Ein verworfener Siebenmeter in der 41. Minute brachte auch die Fans der Gäste wieder auf Hochtouren. Es entwickelte sich der packende Spielfilm, der den Sonntagabend-Tatort obsolet machen sollte. Denn der TuS war keinesfalls gewillt, das Spiel aus der Hand zu geben. Immer wieder konterten die Rot-Blauen die Tore der Gäste und hielten den Vorsprung aufrecht. Erst in der 58. Spielminute gelang den Gästen der Ausgleich zum 27:27. Die Halle war da schon längst ein Hexenkessel. Es hielt keinen mehr in seinem Sitz. Unter dauerhaften Standing Ovations erzielte der überragende Hendrik Pollex, der als ehemaliger Burgdorfer schon in dieser Halle gespielt hat, eine Minute vor Schluss das 29:28. Aber Dessau hatte noch Zeit. Eine Minute mit sieben Feldspielern, aber die sechs tapferen Krieger in Rot und Blau holten die letzten Körner aus sich raus und rührten rund um den überragenden Innenblock mit Jonas Borgmann und Kai Lemke noch einmal Beton an. Alle Angriffsbemühungen der Gäste gipfelten in einem letzten Freiwurf drei Sekunden vor Schluss. Ein letzter Wurf würde über das Spiel entscheiden. Unter ohrenbetäubendem Lärm setzte der Gäste- Schütze den Ball über den Block und das Tor, Der Rest war grenzenloser Jubel.