96 überall

Der Cappuccino dampfte heiß in der Tasse. Urlaub! Samstag! Die Bundesliga weit weg, Sonne pur - aber 96 hatte ein Punktspiel, und eigentlich…
Jedenfalls packte mein Freund Gerd sein Iphone aus der schicken Lederhülle befreit auf den Bistrotisch, und ruckzuck! waren wir mittendrin und dabei. Das Schöne war: 96 hatte gewonnen. Dennoch beschlich mich irgendwie ein Unbehagen. Wir waren mit unseren Familien in ganz andere Sphären abgetaucht, fernab von Deutschland und unserem Alltag. Eine schöne, kostbare Zeit.
Und dann die Sportschau auf dem Bistrotisch. Eigentlich passte das nicht zusammen.
Früher war man im Urlaub richtig weg, gelegentliche Telefonate vielleicht möglich, nicht immer einfach zu organisieren. Wie sehr ist unsere Welt zusammengerückt.
Vor wenigen Tagen ist Steve Jobs verstorben. Er ist der Begründer von Apple und genialer Erfinder wunderbarer Geräte mit den pfiffigen Namen wie Ipod, Iphone, Ipad. Die einen schwören darauf, andere gehen andere Wege.
Was aber auf jeden Fall richtig ist: Unser Leben, unser Alltag hat sich mit den neuen Technologien nachhaltig verändert. So löst der Tod dieses ungewöhnlichen Menschen bei Manchen echte Trauer aus. Doch Segen und Verdruss liegen manchmal eng nebeneinander. Wir brauchten jedenfalls einen Moment, um wieder in unsere Urlaubsstimmung einzutauchen, wobei die Freude über 96 durchaus dabei half. Die neuen Technologien der Übertragung von Nachrichten und Wissen wirken als riesige Beschleuniger unseres Lebens und unseres Alltags. Mit ihren komfortablen Möglichkeiten üben sie auch eine Macht aus, greifen bestimmend ein. Und an uns liegt es, diesem einen Rahmen zu geben, den wir mit unserem Tempo vereinbaren können. Welche Möglichkeiten, welche Macht. Ich muss an das Wort aus dem achten Psalm der Bibel denken. Es ist vor vielen hundert Jahren gesprochen und geschrieben worden. Da lebten die Menschen in sehr einfachen Verhältnissen. Doch auch die wussten von den Möglichkeiten, die im Menschen angelegt sind: „Du hast den Menschen wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.“ Eben: Segen oder Fluch – diese Verantwortung für das, was wir können und was uns möglich ist, bleibt bei uns, ganz persönlich und im Zusammenleben auf dieser Erde.

Martin Bergau, Superintendent