Aufgeregt

Da haben sich alle richtig aufgeregt, so sehr, dass wir heute noch davon wissen. Ein durchschnittliches Jahresgehalt hatte sie einfach mal so auf den Kopf gehauen, oder genauer: auf den Kopf gegossen. Die Geschichte ist schon zweitausend Jahre her und es geht um eine Frau, die mit einer Ölflasche zu Jesus gekommen war. Schon die Flasche war wertvoll, nämlich aus Alabaster. Und darin war Nardenöl, das ist als edles Parfüm geeignet und sehr, sehr teuer – dreihundert Silberstücke soll es gekostet haben, damit konnte man eine Familie ein ganzes Jahr lang ernähren.
Die Frau ist damit zu Jesus gekommen und hat es ihm auf den Kopf gegossen – sie hat ihn damit gesalbt. Das war in biblischen Zeiten eine ganz besondere Geste: Könige wurden damals gesalbt! Und diese Frau machte dasselbe nun bei Jesus. Schon das war verdächtig, denn gegen den begannen gerade die Verhandlungen um die Todesstrafe am Kreuz, weil die Gelehrten ihm Gotteslästerung vorwarfen, wenn er sich als Sohn Gottes bezeichnete. Die Geschichte wird darum am Anfang der Passionszeit gelesen, die in den kommenden Tagen mit dem Aschermittwoch beginnt.
Aber Jesus verstand die Absicht der Frau sofort: Sie wollte ihm noch einmal etwas Gutes tun und ihm zeigen, was sie von ihm hielt: Auch wenn die hohe Geistlichkeit es nicht erkennen wollte – sie glaubte, dass Jesus derjenige ist, der mit göttlicher Kraft Mut macht, hilft und rettet – wie ein guter König. Ob er jemanden aus ihrem Umfeld geheilt hat oder ob er sie durch seine Predigten angeregt hat, ihr Leben zu verändern, das wissen wir nicht. Wir wissen nur, dass sie ihm unbedingt ihren Dank zeigen und ihm eine Ehre gegeben wollte, die ihm andere nicht gaben – koste es, was es wolle. Jesus war ihr wortwörtlich lieb und teuer. Jetzt war die Gelegenheit, das auszudrücken.
Jesus war dafür dankbar und regte die anderen übrigens an, dass sie gern für Arme spenden könnten. Doch dass jemand das getan hätte, davon berichtet die Bibel in der anschließenden Passionsgeschichte leider nicht. Das ist es doch, worüber man sich aufregen müsste.

Rainer Müller-Jödicke, Pastor Martinskirchengemeinde Engelbostel