Bindungen und Traditionen werden zerstört

Oskar Negt übte in der Elisabethkirche starke Sozialkritik.Foto: D. Lange

Vortrag des Sozialphilosophen Oskar Negt zum Reformationstag

Langenhagen (dl). Alljährlich lädt der Kirchenkreis Burgwedel/Langenhagen zum Tag der Reformation einen Gastredner zu ihrem Jahresempfang ein. In diesem Jahr gewann Superintendent Martin Bergau mit Oskar Negt einen der „führenden Denker der kritischen Theorie“ für einen Vortrag gewinnen. Negt ist Philosoph und Sozialwissenschaftler, war Professor für Soziologie an der Leibniz-Universität Hannover, gründete 1972 zusammen mit anderen Hochschullehrern und Pädagogen die Glocksee-Schule und unterstützte 1998 den Wahlkampf von Gerhard Schröder, dessen Beraterstab er eine Zeit lang angehörte. Sein Vortrag ist eine Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Verfassung unserer Gesellschaftsordnung. Die unübersichtlichen gesellschaftlichen Entwicklungen, die zunehmende Politikverdrossenheit mit einer wachsenden Distanz zu den politisch Verantwortlichen und ein damit einhergehender Rückzug ins Private stellten auch die Kirche vor große Herausforderungen in der Zukunft. Die heutige Gesellschaft, die zu einem Anhängsel des Marktes geworden sei, mit dem Konsum als Wachstumsideologie, befindet sich nach Auffassung Negts in einem Zwischenstadium. Alte Werte verlören an Bedeutung, neue Werte existierten noch nicht. Stattdessen würden Bindungen und Traditionen durch die Krisen und Probleme unserer Arbeitswelt zerstört. Die Gewinne von heute seien nicht mehr die Arbeitsplätze von Morgen, sondern sie erzeugten im Gegenteil die Arbeitslosen von morgen. Auch die Unzufriedenheit der Bürger mit den politisch Verantwortlichen nehme zu und sie wendeten sich ab, weil die Politik sie nicht mehr erreiche, und die offenbar in einem Feld außerhalb ihrer Lebenswelt stattfinde. Ein Rettungsfonds mit Hunderten von Milliarden für angeschlagene Banken sei etwas, was sich bis vor wenigen Jahren noch niemand habe träumen lassen. Aber auch jetzt überblicke kaum jemand die Tragweite dieser Vorgänge für die kommenden Generationen. Hier habe sich die Politik von den Finanzmärkten das Gesetz des Handelns aus der Hand nehmen lassen. Dabei gehörten gerade Finanzspekulationen, an denen sich im Übrigen auch einige Landesbanken munter beteiligt hätten, und auch die Manager-Boni gesetzlich geregelt. Stattdessen seien unter Gerhard Schröder und Tony Blair ein Großteil der gesetzlichen Regelungen abgeschafft worden. Bemerkenswert: Der dies sagte, ist ein Duzfreund des ehemaligen Bundeskanzlers, der wiederum Tony Blair zu seinen politischen Vorbildern zählt. Negt kritisiert ebenso vehement eine Ideologie betriebswirtschaftlichen Denkens in allen Bereichen. In der Produktion, aber auch auf dem kulturellen und sozialen Feld. Insbesondere die Schulen aber dürften nicht kommerzialisiert werden dürften. Bildung schaffe keinen betriebswirtschaftlichen Mehrwert, sondern sei eine Investition in die Zukunft eines Zusammenhalts des Gemeinwesen. Die Bildung und Erziehung der Kinder dürfe sich deshalb nicht auf die Norm beschränken, sondern müsse die Phantasie und die Kreativität der Kinder fördern. Die Hartz-Gesetze, ebenfalls entstanden in der SPD Regierung unter Gerhard Schröder, empfindet Negt als einen Bruch mit der Gerechtigkeitstradition und hält sie für untauglich angesichts einer Entwicklung hin zu einer Dreiteilung der Gesellschaft mit einem krisengesicherten Drittel, einem zweiten, wachsenden prekären Teil und einem Drittel mit eindeutigen Abkopplungsbewegungen, nämlich einem Rückzug ins Private.