Carpe diem

Carpe diem - „Nutze den Tag“, sagten die alten Römer mit einem Sprichwort, und als ich es als Jugendlicher zuerst hörte, dachte ich, damit sei gemeint, den Tag möglichst gut auszunut-zen: man solle sich den Tag vollpacken, möglichst viel erledigen, viel erreichen. Nach diesem Motto leben viele, und ich manchmal auch. Es ist ja oft tatsächlich viel zu tun. Dass es auch Pausen gibt und dass eine Zeit des Nichttuns produktiv sein kann, lernte ich erst später. Es ging mir wie in der Geschichte aus Persien, die folgendes erzählt:
Einst ging ein Mann am Strand entlang und fand ein Säckchen voll kleiner Steine. Achtlos ließ er sie durch seine Finger gleiten, während er auf das Meer schaute. Dort schaukelten die Möwen auf den Wellen und er dachte: Habt ihr nichts zu tun! und warf ihnen die Steinchen nach, um sie zu verscheuchen. So versanken die Steine eins nach dem anderen in den Wogen. Einen einzigen behielt er aber und nahm ihn mit nach Hause. Wie groß war sein Schrecken, als er ihn abends im Schein des Herdfeuers betrachtete: in dem unscheinbaren Stein erblickte er einen funkelnden Diamanten! Wie gedankenlos hatte er den ungeheuren Schatz verschleu-dert. Er eilte zum Strand zurück, doch vergebens; die Steine lagen unerreichbar auf dem Mee-resgrund verborgen. Keine Reue, keine Tränen konnten ihm den achtlos weggeworfenen Schatz zurückbringen.
Ergeht es uns nicht ebenso mit den uns von Gott geschenkten Tagen unseres Lebens? Wir träumen vom großen Leben und verschleudern die einzelnen Tage. Bis wir erkennen, dass es kostbare Schätze sind. Jeder Tag unseres Lebens ist ein Schatz. Wie ein kleiner Diamant birgt er ein Funkeln in sich: die Möglichkeit erfüllt zu werden.
Carpe diem - „Pflücke den Tag“, so sollte man den Satz des Dichters Horaz besser überset-zen. Genieße den Tag! Der Satz bedeutet, dass man im Moment sein soll. Dass man mit den Gedanken ganz da ist, wo auch der Körper gerade ist. Dass man sich Zeit nimmt, das Schöne zu entdecken. Dass man sorgsam und bewusst umgeht mit seinem Tag. Denn unser Leben besteht aus vielen kleinen, richtig gelebten Tagen.

Frank Foerster, Pastor