Die Ersten und die Letzten

Mein fünfjähriger Sohn Helle und ich spielen ein Brettspiel. Müde nach der Arbeit, versuche ich das Spiel schnell zu beenden. Ich denke: schnell gewinnen; das Spiel ist zu Ende; ich kann mich ausruhen. Also: ich gewinne das Spiel, mein Sohn weint, weil er verloren hat und verkriecht sich beleidigt unter den Esstisch. Nach einiger Zeit kommt er mit Tränen in den Augen hervor und sagt: „Papa, da gibt es doch so ein Wort… der Erste und der Letzte…“ Ich sage: „Die Ersten werden die Letzten sein und die Letzten werden die Ersten sein. Das hat Jesus gesagt und steht in der Bibel.“ Jesus und Bibel interessieren Helle gerade nicht. „Dann habe ich ja gewonnen!“ ruft er aus und die Traurigkeit ist wie weggeflogen, er wendet sich fröhlich der nächsten Aktivität zu. Ich weiß nicht, woher Helle das Bibelwort kennt, vermutlich aus dem Kindergarten, oder er hat es als Spruch bei irgendeiner Gelegenheit aufgeschnappt. Wir finden dieses Bibelwort am Ende des Gleichnisses von den Tagelöhnern im Weinberg (Mt. 20, 1-16). Hier geht es um Gerechtigkeit, die Gerechtigkeit Gottes. Der Besitzer des Weinberges entlohnt alle Arbeiter gleich, jeder bekommt ein Silberstück, egal ob er von morgens bis abends oder nur eine Stunde schafft. Das ist so viel, wie zu biblischer Zeit ein Arbeiter und seine Familie zum Leben für einen Tag brauchen. Die Geschichte zeigt zweierlei: Gott liebt alle Menschen gleich und Gott gibt allen, aber eben nur so viel wie der Mensch zum Leben braucht. Das, was wir für fair und gerecht halten, wird auf den Kopf gestellt. Schon jetzt, und nicht erst am Ende der Zeiten, im Himmel. „Die Ersten werden die Letzten sein“, das will uns sagen: Die Liebe Gottes wird allen zuteil, egal ob wir viel leisten können oder wenig, ob der Glaube groß oder klein ist. Und wie die kleine Begebenheit vom Anfang zeigt, ist es das, was so tröstlich sein kann: Die Liebe Gottes hat eigene Spielregeln.

Holger Hornbostel, Diakon