Ein pädagogisch wertvolles Drama

Das Tommeln spielte beim Stück eine zentrale Rolle.

Gutzmannschule: die Geschichte von Agina und dem Feuervogel

Langenhagen. ​Am Ende muss Andrea Engelhardt klein beigeben. Die Leiterin der Gutzmannschule hat sich eine gute Stunde lang wacker geschlagen. Jeder Trommeleinsatz, jeder Auf- und Abgang ist ihr ganz hinten im Dunkeln, nur beleuchtet von den Signallämpchen des Regiepults, buchstäblich durch Mark und Bein gegangen. Schon bei den Proben, hatte sie vor Beginn der Vorstellung verraten, hätte sie zuweilen am liebsten heulen können. Aber jetzt, beim Schlussapplaus auf der Bühne stehend inmitten ihrer Schützlinge, da ist es aus: Der Dank an alle, die hinter der Bühne mitgeholfen haben, geht ihr noch souverän über die Lippen. Doch als sich ihr Lob den Kindern um sie herum widmet, ist Schluss mit Fassung. Tiefst gerührt von der Leistung der Mädchen und Jungs gehen ihre Worte im Beben ihrer Stimme unter.
Aus gutem Grund: Die Kinder der Klassen 6a und 6b, die an diesem Vormittag das Musiktheater „Agina und der Feuervogel“ auf die Bühne des Theatersaals bringen, besuchen nicht zufällig die Gutzmannschule. Ihr Förderschwerpunkt widmet sich der Sprache. „Ich habe hier heute Kinder auf der Bühne, die leiden unter selektivem Mutismus.“ Das heißt: Diesen Kindern versagt es meist vor Fremden die Sprache. Sie bringen kein Wort heraus. „Als wir mit den Proben anfingen, da standen einige der Kinder nur mit tief gesenktem Kopf und hochgezogenen Schultern auf der Bühne“, verriet Engelhardt am Rande. Sechs Monate probten die Kinder mit dem Team der Schule sowie einigen Studierenden der Leibniz-Universität Hannover. „In den ersten Monaten zwei Stunden pro Woche, in den letzten zwei Wochen dann sechs Stunden pro Tag.“ Das, so ergänzt sie mit Nachdruck, war für alle „wirklich harte Arbeit“.
Von all dem offenbart sich dem unwissenden Publikum im Grunde nichts. Die Kinder, in fröhlichen Kostümen steckend und aufregend geschminkt, präsentieren die Geschichte des Mädchens Agina so souverän wie jede andere Schulklasse auch. Die Geschichte von Mobbing unter Kindern berührt das Publikum wie gewünscht. Auf die rhetorisch-zickige Frage einer Darstellerin, ob das Verraten eines Geheimnisses denn etwa ein Verbrechen sei, brüllt es ihr hundertfach aus den Sitzreihen entgegen: „Jaaaaaaaa!“ Wie es sich für ein pädagogisch wertvolles Drama gehört, spitzt sich die Situation um Agina, ihre vermeintliche Rettung durch den Feuervogel und das Platzen falscher Illusionen ordentlich zu, bis am Ende alle Kinder sich eines Besseren besinnen und fröhlich einander unterhaken – Agina inklusive.
Das Stück hat unter Engelhardts Regie bereits schon einmal Premiere gefeiert. Im September 2010 noch an der Pestalozzi-Schule, der Förderschule mit Schwerpunkt Lernen. Engelhardt, die damals Rektorin dieser Schule war, hatte damals schon erkannt, wie groß der Gewinn durch die Arbeit in einem solchen Projekt – insbesondere in der Kombination mit einem Trommel-Workshop – sein kann. Eine Erfahrung, die sich erneut bestätigt. „Es ist unfassbar, welche Spracharbeit die Kinder hier geleistet haben“, sagt sie in einer der Pausen, die von der Bläserklasse der IGS Langenhagen untermalt werden. „Und es ist Wahnsinn, welche Gemeinschaft unter den Kindern gewachsen ist.“ Das Potenzial hat sich bis Hannover herumgesprochen, was sich vor allem hinter den Kulissen zeigt. „Wir haben Hilfe durch Studenten der Leibniz-Universität. Sie begleiten das Projekt und schreiben darüber für die Uni später eine Arbeit.“
Im Publikum sitzen an diesem Vormittag zunächst vor allem Kindergartengruppen und Grundschulklassen sowie – in der zweiten Vorstellung unmittelbar hintereinander weg – auch Klassen der weiterführenden Schulen. Sie haben offenbar Eintritt gezahlt. Das Wort „ausverkauft“ will Engelhardt dennoch nicht so gerne verwenden. „Nun“, sagt sie, „wir decken unsere Unkosten.“ Das ist ihr wichtig. „Wir mussten Kostüme schneidern, die Schminke besorgen, das Bühnenbild gestalten und den Trommellehrer bezahlen.“ Dafür, sagt sie und seufzt, habe eine Schule wie die ihre „kein Geld“.