Ein wahre Gratwanderung

Freunde aus Jugendtagen: Franz Gottwald (links) und Scorpions-Chef Rudolf Schenker. (Foto: S. Kwiecinski)
 
1993: Das Duo Flamenco mit Viktor Svec (links) und Franz Gottwald im daunstärs.
 
"Rumba Humba" zum Abschluss. (Foto: D. Lange)

Glanzvolle Gala anlässlich des 50. Bühnenjubiläums von Franz Gottwald

Langenhagen (dl). Es war in der Tat eine glanzvolle Gala zum 50. Bühnenjubiläum von Franz Gottwald, die die etwa 350 Gäste im Theatersaal erlebten. Ganz ohne die bei solchen Anlässen sonst üblichen Vorreden oder Grußworte. Musiker auf die Bühne, Licht an und los geht`s. Es war ja auch keine Zeit zu verlieren angesichts der Vielzahl von Mitwirkenden und einem dichtgedrängten Programm voller Musik, Poesie und Tanz, frei nach dem Motto „Flamenco & Verwandtes“. Die Liste der Künstler war lang, unter ihnen die beiden Ausnahmegitarristen Miguel Sotelo und Antonio Andrade. Alix Dudel führte durch das Programm, ergänzt mit Liedern und Gedichten aus der Feder von Friedhelm Kändler. Die beiden HAZ-Kolumnisten und Meister des absurden Wortwitzes Imre Grimm und Uwe Janssen waren ebenso mit von der Partie wie Lothar Heimberg, ehemaliger Bassist der Scorpions in den Anfangstagen, Gottwalds Bruder Robert und Michael Flechsig, den Boogie Soulmates Andreas Bock und Niels von der Leyen, Bandleader Lothar Krist und Freddy Wicke und anderen großartigen Musikern. Ausgehend von Gottwalds großer Passion zur leidenschaftlich-gefühlvollen Musik- und Tanzkultur aus Andalusien im Süden Spaniens, entwickelte sich ein optisch wie musikalisch sinnesübergreifender Genuss. So wurde deutlich, welchen Einflüssen der Flamenco immer schon ausgesetzt war und heute noch ist. Die musikalische Bandbreite erstreckte sich daher neben der „reinen Lehre“ über viele Kulturen und Musikstile. Traditionelle Musik aus verschiedenen Ländern, Blues, Boogie, Jazz, Klassik oder Pop in den unterschiedlichsten Konstellationen, vieles ist möglich. „In der Kunst lässt sich auf wunderbare Weise alles miteinander verbinden“, fasst Franz Gottwald diese Freiheit zusammen. „Die Dinge ergänzen sich und es kann etwas Neues daraus entstehen“. Nur ein Beispiel: Die Musik zur Tanzperformance der Berliner Künstlerin Raksan wird vom meditativ-archaischen Klang des Didgeridoo beherrscht, geblasen von Michael Langfeldt. Ein Instrument, das mit der Musik Spaniens so gar nichts zu tun hat und dessen dröhnender Klang wie stetig rauschendes Wasser wellenartig an- und abschwellt. Ein Sound, den man im Körper fühlt. Klavier, Saxophon, Gitarre, Cajòn und Schlagzeug setzen Jazzakzente dagegen und ergänzen sich wiederum. Zusammen mit den wirbelnden weißen Tüchern des Tanzes entstehen traumartige Sequenzen im Kopf. „Das ist ja wohl `ne geile Combo, oder?“, stellte Gottwald am Schluss begeistert fest. Ja, stimmt.
In Sarstedt, wo Franz Gottwald, geboren am 26. September 1954 in Northeim, zur Schule ging und wo anfangs der 60er- Jahre musikalisch alles begann, gründeten Gottwalds Kumpel und Schulfreunde, die beiden Schenker-Brüder Rudolf und Michael damals die Scorpions. Mit seinem Bruder Robert und zwei weiteren Freunden gründete Franz Gottwald 1968 mit 14 Jahren seine eigene Band „Flash of Lightning“, mit der er am 6. Dezember 1969 im Hotel Steuerwald in Hildesheim seinen ersten Auftritt hatte. Viele weitere Auftritte folgten. Nach der mittleren Reife absolvierte Gottwald eine Buchdruckerlehre, ging später auf die Fachoberschule Gestaltung in Hildesheim und machte seine Fachhochschulreife. Mit seiner Band „Gottwald“ folgten 1972/73 kleine Tourneen, im Repertoire Coversongs und Eigenkompositionen mit deutschen Texten. Danach Wehrdienst bei den „Sanis“ in Hildesheim. Franz Gottwald verlor in dieser Zeit ein wenig das Interesse an dem „elektrischen Zeug“ und wollte sich musikalisch weiterentwickeln. Ein Flamenco-Kurs kam deshalb gerade recht. Dabei lernte er Victor Svec kennen, mit dem er 1976 das Duo Flamenco gründete und damit auch bekannt wurde. Bereits deren zweiter Auftritt im April 1977 fand im Rahmen einer NDR.Radiosendung aus dem Sarstedter Rathaus statt. Die LP „Fandango“ erscheint im gleichen Jahr. Es folgen weitere Radiosendungen und ab 1978 TV-Auftritte in ARD und ZDF sowie weitere LP- und später CD-Veröffentlichungen. Beim ersten Langenhagener Klangbüchsen-Folkfestival 1978 gehörte das Duo Flamenco neben Liederjan, Zupfgeigenhansel und Werner Lämmerhirt zu den mitwirkenden Künstlern. Von 1980 bis 1986 Studium der Kulturpädagogik an der Uni Hildesheim. Seine Diplomarbeit schrieb Gottwald über den Scorpions-Gründer und Kumpel aus „Sarstedter Tagen“ Rudolf Schenker. Nach vielen Gesprächen mit ihm, bei denen es neben anderen Aspekten auch häufig um das Gitarrespielen geht, kauft sich Schenker eine Flamenco-Gitarre. Seit 1989 organisiert Gottwald zusammen mit dem Verein Klangbüchse, dessen Vorsitzender er mittlerweile ist, für die Stadt Langenhagen sehr erfolgreich Kabarett-, Comedy- und Musikveranstaltungen (Mimuse und anderes) durch. 2014 wurde ihm dafür eine besondere Ehrung zuteil. Die Erste Stadträtin und für das Kulturamt zuständige Dezernentin Monika Gotzes-Karrasch verlieh dem städtischen Mitarbeiter Franz Gottwald eine Auszeichnung für seinen zu diesem Zeitpunkt 25 Jahre währenden Dienst für die Kultur in Langenhagen. Darin liege die Besonderheit von Gottwalds Arbeit, stellte Gotzes-Karrasch seinerzeit fest: „Die Erledigung Ihrer Aufgaben ist ein kleines Kunststück, eine Gratwanderung zwischen den Strukturen einer Verwaltung, dem Kulturbetrieb mit seinen eigenen Gesetzen und den hilfreichen Ehrenamtlichen des Vereins Klangbüchse“. Wohl wahr. 1998 die Gründung der Formation „Azucar del Norte“. Im Sommer 2009 entstand ein weiteres Trio-Programm unter dem Titel „Flamenco und Verwandtes“ mit Stefan Klingebiel (Didgeridoo) und Freddy Wicke für Auftritte in der Klosterkirche Wittenburg und der Sarstedter St. Nicolaikirche. Ein Programm, das mit verschiedenen Schwerpunkten und in wechselnden Besetzungen nach wie vor in Kirchen gespielt wird. Am 13. März 2010 fand in Sarstedt anlässlich der Buchpräsentation „Rock your life“ein besonderer „Heimatabend“ statt. Zusammen mit Pawel Maciwoda (Scorpions) am Bass und Scorpions-Mitbegründer Wolfgang Dziony spielen Franz Gottwald und Buchautor und Scorpions-Chef Rudolf Schenker in der Aula des Gymnasiums auf akustischen Gitarren zwei Songs der Scorpions:„Holiday“ und „Always somewhere“. In diesem Zusammenhang sei noch erwähnt, dass Gottwald frühester Jugend Stones-Fan ist und dessen Gitarrist Keith Richards zu seinen musikalischen Vorbildern gehört. Goldene Zeiten: 1973 kostete eine Eintrittskarte für ein Rolling Stones-Konzert noch bescheidene 15 D-Mark.