Einfach abheben

„Pastor am Flughafen, Flughafenseelsorger? Gibt es das in Langenhagen?“, werde ich im Terminal A auf meiner Runde nicht zum ersten Mal gefragt. „Ja, das gibt es seit 2005“, gebe ich sachlich Auskunft. Die Frau hakt nach: „Fliegen Sie denn auch gerne?“
Wir kommen ins Gespräch über die Vor- und Nachteile des Fliegens, über die Enge im Flugzeug, den schönen Blick von oben und die Lärmbelastung für die Langenhagener. Ein typischer Smalltalk mit mir am Flughafen halt. Und wie nicht selten bei solchen Gesprächen landen wir auf einmal bei der großen Politik, der Finanzkrise und dem Klimawandel. Der Flughafen lädt offensichtlich dazu ein, über die großen Zusammenhänge nachzudenken.
Die große weite Welt scheint einerseits so nah und verlockend schön zu sein. „Wenn ich jetzt in den Flieger nach Mallorca steige, bin ich in wenigen Augenblicken in der Sonne und im Urlaub“, denke ich mitten im Gespräch beim Blick auf die Anzeigetafeln. „Einfach abheben und die Probleme hinter mich lassen.“
Ich versuche mich wieder auf mein Gegenüber zu konzentrieren und mache die Frau auf eine typische Flughafenszene aufmerksam: „Sehen Sie die emsigen Geschäftsleute dort im Bistro. Sie sichten bei einem Cappuccino noch schnell ihre Mails bevor es in den Flieger geht. Für sie ist das Fliegen Alltag und sicherlich kaum noch mit den Sehnsüchten nach Freiheit und Abenteuer verbunden. Sie stehen für mich beispielhaft für die Überforderung, die die große weite Welt auch mit sich bringt. Irgendwann sind sie meist ausgebrannt und leer.“
Inzwischen sind wir in der Kapelle angelangt. Die Frau wollte unbedingt noch kurz einen Blick hineinwerfen. Sie geht zum Altar und schaut in die Bibel.
Sie liest: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“
„Ach, der 31. Psalm,“ unterbreche ich sie, „das war mal die Kirchentagslosung 2001 in Frankfurt, glaube ich. Eigentlich geht es bei den globalen Problemen doch auch um einen weiten Raum. Es stellt sich nur die Frage, wie wir damit umgehen. Gott stellt uns auf unsere Füße mitten in diesen weiten Raum. Ich finde diese Spannung sehr faszinierend“, erläutere ich. „Einerseits sind wir Christen geerdet. Wir stehen fest auf dem Boden der Tatsachen. Wir stellen uns den Herausforderungen der Gegenwart. Andererseits haben wir einen weiten Blick und leben eine große Freiheit. Für mich ist das die Freiheit diese Welt neu zu denken und zu gestalten, gerechter und respektvoller als zurzeit.“ Die Frau wirft ein: „Ich fühle mich in der Weite oft verloren. Ich mag lieber die Geborgenheit meines Gartens. Darin kann ich mich am besten erholen.“ „Das kann ich gut nachvollziehen“, antworte ich. „Der weite Raum, von dem die Bibel spricht, will auf keinen Fall ungeborgen sein. Es geht darum, dass wir in unserem Glauben so viel Kraft schöpfen können, dass wir auf den Rückzug in die innere Immigration verzichten können. Wir sind so frei, dass wir die Welt aktiv mit gestalten wollen und uns einmischen werden“.

Ulrich Krämer, Pastor