Elite aber flott

„Ich nutze das ganze Spektrum der Notenvergabe aus“, sagte der Lehrer im Gespräch, nachdem er einem seiner Schüler eine 6 in Mathe gegeben hatte. Es sei zwar nicht alles falsch, aber man sei ja schließlich in einer Profilklasse, da müsse schon auf das Leistungsniveau geachtet werden. Es geht ja darum, die Besten zum Studium zu führen. Das Wort „Elite“ stand dabei unausgesprochen im Raum.
Kultusminister Bernd Althusmann sah sich in den letzten Tagen deutlich bestätigt mit seiner Schulpolitik des auf zwölf Jahre verkürzten Abiturs. Einerseits, weil die Schulabgänger des verkürzten Jahres 2011 gezeigt hätten, dass sie denjenigen, die in diesem Jahr nach 13 Schuljahren Abitur gemacht hatten in den Noten und Leistungen in Nichts nachstanden. Anderseits, weil das Volksbegehren für bessere Schulen in Niedersachsen durch das Nichterreichen der notwendigen Unterschriften gescheitert war.
Auch hier schwingt der Elitebegriff untergründig mit.
Althusmann verschweigt allerdings die Tatsache, dass eine erhebliche Zahl der Abiturienten sich frühzeitig zurückstellen ließ, um dann doch auf 13 Schuljahre zu kommen oder, dass so viele Schüler versuchten, auf die Integrierten Gesamtschulen zu wechseln, dass das Kultusministerium inzwischen versucht, dem einen Riegel vorzuschieben. Unbedacht bleibt auch die Tatsache, dass einige Abiturienten noch so jung sind, dass noch nicht allein an einem anderen Studienort wohnen können, geschweige denn eine genaue Vorstellung von ihrem Berufsbild haben. Dieser ganzen Verkürzung mit dem daraus entstanden Schulstress für Kinder Eltern und Lehrer ist inzwischen das gesamte Schulsystem unterworfen, denn es wird ja wieder in der vierten Klasse selektiert, wer aufs Gymnasium, die Realschule oder die Hauptschule darf. Schneller, kürzer, getrennter. Wir wollen Elite – aber flott.
Und was ist mit all den anderen, die in einem solchen Schulsystem auf der Strecke bleiben oder frühzeitig selektiert werden?
Nachdenklich gemacht hat mich der Vortrag des hannoverschen Soziologen Oskar Negt zum Reformationsempfang in der Elisabethkirche, in dem er den Begriff der Eliten kritisiert hat. Er hat auf die Krisen der modernen Welt geschaut und analysiert, dass es fast immer die so genannten Eliten waren, die Staatskrisen, Finanzkrisen oder Kriege ausgelöst haben und nie das Volk oder die Schwachen. Das trifft aus unserer geschichtlicher Erfahrung besonders auf die Nationalsozialisten zu, die mit ihrer Elite-Ideologie und ihrer Form von Selektion (aus dieser Zeit stammt der Begriff) die Welt und die Menschlichkeit an den Abgrund getrieben haben. Heute sind es die des Finanzkapitals, die uns wieder an den Rand des Abgrundes gebracht haben, aber auch die politischen Eliten spielen zurzeit keine besonders glänzende Rolle. Das bedeutet immer auch eine Gefahr für die Demokratie. Das Schielen auf Eliten ist also nicht die Lösung von Problemen, sondern schafft sie möglicherweise. Das heißt nicht, dass wir nicht gut gebildete und ausgebildete Menschen in unserem Lande oder sogar weltweit brauchen. Es bedeutet vielmehr, dass wir insgesamt gut ausgebildete Bürgerinnen und Bürger brauchen, um zum Beispiel das demografische Problem zu bewältigen und wir benötigen gerade Menschen fremder Herkunft, die bei uns wohnen und arbeiten, um dieses Problem aufzufangen – und die müssen gut ausgebildet werden. Solche Überlegungen einer insgesamt solidarischeren Gemeinschaft werden in der Zukunft unserer Gesellschaft eine zunehmend größere Rolle spielen – ebenso wie die Verteilung von Armut und Reichtum – wir können uns anderes nicht mehr leisten.
Die Losung für das Jahr 2012 gibt da einen guten Anstoß: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig – 2. Korintherbrief 12,9. Im Jahr 1989 hat ein Teil unserer Bevölkerung vorgelebt, welche Kraft in den Schwachen steckt. Auch das ist Elite.

Falk Wook, Pastor