„Es geht euch was an“

Nach seinem Vortrag mit schockierenden Bildern von Kriegsopfern diskutiert (von links) Reinhard Erös mit Anna Stahl, Linda Plath, Moritz Witte, Inga Dreßler und Fiona Graab.

Arzt zeigt IGS Schülern wie Friedensarbeit funktioniert

Langenhagen (gg). „Realität erlebt ihr nicht im Fernsehen, ihr müsst was tun“, ruft Reinhard Erös provozierend laut in die bis auf den letzten Platz gefüllte Aula und beeindruckt mit seinen Erfahrungen. Oberstufenschüler der IGS hören seinen Vortrag zur Friedensarbeit in Afghanistan. Seit über 25 Jahren macht der Arzt Erös die und hat eine beeindruckende Bilanz von realisierten Projekten: 29 Schulen in fünf Provinzen mit etwa 60.000 Schülerinnen und 1.4000 Lehrerinnen, eine Basis-Gesundheitsstation, eine Mutter-Kind-Klinik, zehn Computerzentren, zwei Waisenhäuser, eine Solarwerkstatt für Jungen und zwei Berufsschulen für Mädchen hat er aufgebaut. Auf den Berufsschulen können Mädchen den Beruf der Schneiderin oder Webdesignerin lernen, derzeit entsteht die erste Mädchen-Universität.
Keine staatliche Unterstützung oder Aufträge sind die Basis seiner Arbeit, sondern reines privates Engagement. Bisher hat er 15 Millionen Euro Spenden erhalten, die er vollständig in die Projekte eingebracht hat, ohne Abzüge für Verwaltungsaufwand oder ähnliches. In seinem kleinen Büro in Ostafghanistan hat er vier afghanischen Mitarbeitern, die ortsüblich bezahlt werden. „Alle Projekte werden ohne „Ausländer“ betrieben, sondern ausschließlich von Afghanen. Nur so entsteht Vertrauen und die Basis für unsere Projekte. Wir leisten Hilfe zur Selbsthilfe und verzichten auf den Schutz durch ausländisches Militär“, erklärt er den Schülern.
Erös ist Afghanistan-Experte, wurde mit vielen Auszeichnungen geehrt, darunter das Bundesverdienstkreuz erster Klasse. Er hat durch seine häufigen und langen Aufenthalte und medizinische Hilfe die Kultur kennen gelernt. „Das ist die Basis für Friedensarbeit“, betont er und ermahnt die Schüler: „Merkt euch: Nur wer die Fähigkeit hat, sich in anderen Kulturen zu bewegen, ohne Schaden anzurichten, kann helfen.“ 30 völlig verschiedene Sprachen, Dialekte nicht mitgezählt, gibt es in Afghanistan. „Viele Afghanen untereinander verstehen nicht. Die ausländischen Soldaten im Land können mit den Afghanen nicht reden, wie soll dann ein Zusammenarbeiten funktionieren – unmöglich“, erklärt er zum Einsatz der ISAF-Truppe. „Weit über 100 Milliarden kostet der Einsatz der ISAF-Truppen in Afghanistan in jedem Jahr, unfassbare Summen und dabei würde das Geld eines Jahres reichen, um allen Afghanen für zehn Jahre Nahrung und Bildung zu bezahlen“, so seine Botschaft. Ein Auszug aus seinem Vortrag: „Der Afghane sucht nicht den Kampf, aber er nimmt ihn unerbittlich gegen jeden auf, der versucht, ihm sein Land, die territoriale Integrität oder seine kulturelle Identität zu nehmen. Und in dieser Situation sehen sich immer mehr Afghanen, auch wegen der Fehler, welche wir, der Westen, dort in den vergangenen zehn Jahren aus Dummheit, westlicher Arroganz und fehlender Kulturkompetenz produziert haben. Das macht sie radikal. Die Afghanen nehmen es nicht hin, wenn man sie erobern will und sie geben niemals auf. Sie haben Widerstand gegen die Sowjetische Invasion zwischen 1979 und 1989, gegen das derzeit stärkste Militär der Welt, geleistet. Aus Sicht der Taliban haben sie Allah auf ihrer Seite und daher sind sie überzeugt, dass der Sieg auf ihrer Seite liegt, auch wenn viele Söhne geopfert werden müssen. Sie sind bereit."
Erös erklärt den Schülern zur Ausrichtung der Religion: „Sie sind Moslems mit vielfältiger Ausrichtung, stark von Buddhismus beeinflusst. Etwas ganz anderes ist der Wahhabismus, der arabische und kriegerische Islam der Taliban, die Grundlage des Terrorismus.“ Den Ursachen des Terrorismus entgegen zu wirken und zu helfen, damit Menschen nicht fliehen müssen, das ist das Ziel und die Motivation für seine Arbeit. „Bildung ermöglicht eine selbstbestimmte Lebensführung, schützt vor primitivem religiösem Fundamentalismus und ist ein wichtiger Beitrag gegen politische Radikalität“, so seine Botschaft an die Schüler und weiter, „Ihr könnt etwas ändern, dafür müsst ihr was tun. Es geht euch was an, denn der Terrorismus kann auch euch treffen.“