Frühling lässt sein blaues Band …

Martin Bergau, Superintendent
Nein, diese Zeitumstellung bleibt gewöhnungsbedürftig. Was eine Stunde ausmacht! In den ersten Tagen sage ich mir: Eigentlich ist es jetzt noch eine Stunde zu früh zum Aufstehen … Eigentlich ist jetzt noch nicht die Abendbrotzeit …
Doch das verflüchtigt sich allmählich. Das liegt auch daran, dass die Tage endlich heller werden. Ich meine, in den Augen der Menschen, die sich an den wärmenden Strahlen der Sonne erfreuen, einen anderen Glanz zu sehen.
Vielleicht liegt es auch an mir. Oft fallen mir in diesen Tagen Bilder meiner Kindheit ein. Wie sehr habe ich es genossen, nur mit dem Hemd und früh mit der Lederhose nach draußen zu laufen. In der Würze des Morgens lag auch immer ein Geschmack von der Schönheit der Welt, auch wenn ich dies im Nachhinein sicher etwas idealisiere. Das tut unser Gedächtnis bekanntlich gern.
In diesen Tagen erlebe ich dies jedoch anders als sonst. Eine Schwere liegt im Leichten. Jeden Tag lese ich vom Kampf gegen die Kernschmelze in Fukushima, im fernen und doch so nahen Japan. Nun ist vom Zubetonieren, wie in Tschernobyl, die Rede. Gut, dass wenigstens hier in Deutschland so grundsätzlich und kritisch über den Nutzen der Atomkraft gerungen und hoffentlich auch entschieden wird – Alternativen endlich wirklich vorangetrieben werden. Das macht Hoffnung. Doch weltweit passiert dies noch nicht. Und wir leben in dieser Einen Welt. Wir atmen eben alle von der gleichen Luft.
Das alles schwingt in diesen Tagen auch mit, wenn ich morgens diesen satten Frühlingsduft einatme. Und – ja: Und meinem Gott dafür danke. Sie ist einfach da, diese Neugeburt nach kaltem Winter, und am Boden sprießen die Pflanzen in bunten Farben hervor und strecken sich dem Licht entgegen. Auch sie sind einfach da. Kann ich mich daran anschließen, mit dem Frühlingsgedicht im Herzen und auf den Lippen?
Ich tue es. Wer sich nicht an der Welt, wie Gott sie gewollt hat, erfreuen kann, wird klaglos oder verbittert hinnehmen, was Menschen mit ihr machen. Das kann es nicht sein. Der Dank, dieses starke Gefühl am aufbrechenden Frühling, erfüllt mich doch. Auch ich bin einfach da.
Das zu spüren, ist wie eine Kraftquelle und eine bleibende Spur zu Gott. Der hat schließlich sagen können, zu dieser von unserem menschlichen Handeln so sehr bedrohten Welt und belasteten Schöpfung: „Und siehe, sie war sehr gut.“