Grüß Gott

„Grüß Gott“, ruft sie mir fröhlich zu und lädt mich in ihre Konditorei ein. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen, als ich die vielen Torten und Pralinen hinterm Tresen erblicke. Unbedingt will ich ein Stück probieren und am liebsten eine Tasse Tee dazu trinken.
Als ich mich dann in ihrem kleinen Café an einen Tisch gesetzt habe, komme ich aus dem Staunen nicht mehr heraus: Offensichtlich gibt es sogar in Österreich kleine ostfriesische Teetassen mit der roten Rose drauf. Sogleich bin ich mit der Konditorin im Gespräch und sie erzählt mir, dass sie das Service mal aus einem Urlaub an der Nordsee mitgebracht und ihr ganzes Café damit ausgestattet hat.
„Aber bei Ihnen da oben sagt man nicht „Grüß Gott“ zur Begrüßung, oder?“, fragt sie mich dann. „Nein“, antworte ich ihr: „Wir sagen eher „Moin“, das „Grüß Gott“ klingt für uns auch ein bisschen katholisch.“ Und dann fällt es ihr auch selbst wieder ein, dass sie entlang der Küste viele Evangelische getroffen hat. „Aber unserem Herrgott ist das eh egal, ob wir evangelisch oder katholisch sind, der passt auf jeden von uns auf“, ist sie überzeugt; und ich kann spüren, dass sie selbst das gewiss schon oft erlebt hat, dass Gott sie beschützt.
Und wieder läutet es an der Tür, denn ein neuer Gast kommt ins Haus, den sie ebenfalls mit einem fröhlich „Grüß Gott“ empfängt. Der Neuankömmling antwortet sofort: „Tut mir leid, den kann ich nicht von Ihnen grüßen, ich habe ich nämlich noch nie gesehen!“
Die Konditorin erschrickt und rückt erstmal ihre Torten zurecht. Leise, aber doch verständlich murmelt sie dann: „Das ist schade und liegt leider an Ihnen selbst. Aber umso mehr wünsche ich Ihnen das, dass Sie irgendwann auch einmal erleben, dass er ihnen hilft und dass Sie ihn ganz am Ende im Himmel einmal wirklich sehen werden!“

Rainer Müller-Jödicke, Pastor