Heilig?!

Donnerstagvormittag in Klasse 6. Ich gebe Religionsunterricht. Wir reden gerade über den Unterschied zwischen der evangelischen und der katholischen Kirche. Maria, unsere Expertin für katholische Fragen, berichtet von ihrer Heimatkirche, die einem Heiligen geweiht ist. Große Fragezeichen erkenne ich bei diesem Begriff über den evangelischen Köpfen meiner Schülerschaft und frage: „Wer ist denn heilig?“ Chris überrascht mich: Mitten in die Stille hinein sagt er leise: „Ich!“ Er lacht, fröhlich wie immer, und zieht ein bisschen den Kopf ein. Vielleicht fürchtet er, dass er darüber keine Witze machen sollte. Diese Religionsstunde ist zwar schon eine Weile her, damals unterrichtete ich noch am Gymnasium. Aber ich habe das immer noch gut vor Augen. Auch mein Zögern: Moment, das ist kein Witz, sondern genau das, was wir in der evangelischen Kirche glauben: Jeder von uns ist heilig! „Aber“, frage ich zurück: „Wodurch bist du denn heilig geworden?“ Tom meldet sich und kommt Chris zu Hilfe: „Durch die Taufe?!“ sagt er vorsichtig.
Aber klar, kann ich nur zustimmen. „Heilig“ bedeutet doch, dass etwas oder jemand zu Gott gehört. Und weil Gott sich durch die Taufe an uns gebunden hat, so dass wir von seinem Heil etwas abbekommen, darum sind dann alle Getauften heilig. Maria hat zwar ein ähnliches Taufverständnis, gibt aber zu bedenken, dass Heilige eher die Vorbilder im Glauben sind, die vom Papst heiliggesprochen worden sind, weil man durch sie viel vom Glauben lernen kann.
Ich denke, dass Maria, Chris und Tom alle drei recht haben: Vor den von Maria genannten katholischen Persönlichkeiten habe auch ich durchaus Respekt. Aber wer weiß, was aus diesen flotten Schülern noch mal wird: Ich merke oft, dass ich selbst durch sie viel für meinen eigenen Glauben lernen kann, zum Beispiel, was Taufe bedeutet: Dass ich heilig bin!

Rainer Müller-Jödicke, Pastor