Historische Tomatenpflanzen

Beim Nötel-Modell geht es auch um den Erhalt der Sorten.

Ehepaar Kirschning am 4. Mai ab 8 Uhr auf dem Wochenmarkt

Langenhagen. Am Sonnabend, 4. Mai, ist es wieder so weit. Ab 8 Uhr bieten Ehepaar Kirschning und Freunde zum letzten Mal wieder am Westende des Langenhagener Wochenmarktes Tomatenpflanzen von Gärtnerei Nötel aus Jeinsen an - historische Sorten, ergänzt durch neue Züchtungen.
Meist sind es die Kunden aus den Vorjahren, die schon nachfragten, denn diese Pflanzen sind etwas Besonderes. Bedenkt man, dass Tomaten ursprünglich nur als reine Zierpflanzen wegen der hübschen, kleinen gelben oder roten Früchte angebaut wurde, als sie von Seefahrern aus Südamerika nach Europa gebracht wurden, so hat dieses Gemüse eine steile Karriere zum beliebtesten Gemüse gemacht - und das weltweit. In verschiedenen Regionen der Welt angebaut, wurden je nach Sonnenangebot und Boden viele hunderte Sorten herausgezüchtet, vielleicht sogar tausende, mit unterschiedlichen Farben von gelb über rot bis schwarz, von den kleinen Häppchen bis zur Mammutgröße einzelner Früchte für die ganze Familie. Allen gemeinsam ist der beliebte typische Geschmack. Der litt allerdings, als die Tomaten zum Wirtschaftsfaktor wurden, denn langfristig gesehen ist das Klima im Süden tomatenfreundlicher.
Ziel neuer Zuchten war die bessere Transportfähigkeit und dadurch ergab sich ein kaum lösbares Problem bei den dünnhäutigen, ausgereiften Früchten. Hinzu kam, dass bei der Naturpflanze die Einzelfrüchte nicht alle gleichzeitig reifen. In eigenem Garten oder dem Balkon ist das kein Problem, da pflückt man eben nur die reifen und wartet ab. Aber beim Vertrieb ganzer Fruchttrauben ist Ungleichheit nicht verkaufsförderlich. Also ergab sich als neues Zuchtziel die Einheitlichkeit innerhalb der Traube. Zumindest die Farbe musste stimmen. Lösbar waren diese Aufgaben nur durch Genmanipulationen. Was dabei zu kurz kam, war der Geschmack. Pralle einheitlich rote Früchte, denen man nicht gleich ansieht, dass Wasser kein wirklich guter Geschmacksträger ist – Sie als Tomatenfreund kennen das. Die Früchte aus dem eigenen Garten sind so nicht auszustechen.
Allerdings hat Gärtner Nötel angekündigt, dass er seinen Betrieb umstellen wird. In diesem Jahr bietet er noch ein letztes Mal sein reichhaltiges Sortenspektrum an, und das zu den alten Preisen. Wer Spaß an der eigenen Ernte und dem guten Geschmack gefunden hat, dem sei gesagt, dass die Nachzucht aus eigenen Samen gar nicht so kompliziert ist – unsere Eltern als Nachkriegsgeneration schafften das ohne Probleme. Anders als von Früchten heutiger sogenannter Hybridzüchtungen sind die Nötelfrüchte sortenrein vermehrungsfähig. Nicht unerwähnt bleiben soll, dass es bei dem Nötel-Angebot nicht nur um ein Geschäftsmodell, sondern auch um den Erhalt alter Sorten ging, ebenfalls, dass ein wichtiger Faktor die Pflanzenanzucht ohne Verwendung von Torf war. Außerdem floss immer ein kleiner Teil des Geschäftsgewinns in den Bereich Naturschutz, in diesem Jahr speziell in den Insektenschutz. "Ob und wie es hier eine Fortsetzung geben kann, werden wir später diskutieren", sagt Werner Kirschning.