„Ich bin nicht Bill Clinton“

Hörte an der IGS Süd interessiert zu und ging auf die Schüler ein: Ministerpräsident Stephan Weil. (Foto: O. Krebs)
 
Eine besondere Ehre: Stephan Weil überreichte Ruben sein Halbjahreszeugnis. (Foto: O. Krebs)

Ministerpräsident Stephan Weil zeigte sich in Langenhagen absolut authentisch

Langenhagen (ok). Wann er das letzte Mal ein Schulzeugnis in der Hand gehabt hat? Das sei schon eine Weile her, gab Stephan Weil frank und frei zu. Der Niedersächsische Ministerpräsident besuchte am Mittwoch die IGS Süd und teilte in der Klasse 9.5 die Halbjahreszeugnisse aus. Einigen Schülerinnen und Schülern war das gar nicht so Recht, sollte der Landesvater doch nicht unbedingt sehen, was sie in diesem Halbjahr abgeliefert haben. Doch Stephan Weil ließ sich nicht abhalten und sparte auch nicht mit Kommentaren. So sei bei einigen doch noch Luft nach oben. Aber er versprach auch: „Wenn ihr euch verbessert, komme ich in einem halben Jahr wieder.“ Doch vor dem Procedere löcherten die Schüler Weil mit Fragen, wollten zum Beispiel wissen, wie viel er verdiene und ob das überhaupt angemessen sei. Etwa 10.500 Euro netto pro Monat. Und, ob das gerecht sei, hänge vom Maßstab ab. Weil: „Im Vergleich zu einem Manager in der Wirtschaft ist das sicherlich wenig, aber verglichen mit einer Krankenschwester im Nachtdienst, die auch eine Menge leiste, ist das sehr viel.“ Aber er arbeite nicht, um reich zu werden, sondern weil ihm die Arbeit Spaß mache. Und: Auch die Show sei nicht seins. „Ich bin nicht Bill Clinton“, so Weil schmunzelnd . In der Schule sei er nicht immer eine Leuchte gewesen, gab Weil zu, erst in der elften Klasse habe es Klick gemacht. Deutsch und Geschichte seien seine Lieblingsfächer gewesen, genauso wie Sport im Sommer. Denn im Fußball und Handball sei er dreimal Schulmeister geworden. Aber im Turnen? „Da war ich eine Pfeife“, gab er unumwunden zu.
Tel zwei des Besuches an der IGS war ein Gespräch mit der Schulleitungsrunde. Und Schulleiterin Mascha Brandt machte gleich deutlich, wo eines der Hauptprobleme liegt. Etwa zehn Prozent der Schülerinnen und Schüler an der IGS Süd, die einen Antrag für eine Oberstufe gestellt hat, müssten inklusiv beschult werden – ein sehr hoher Anteil. Allerdings gebe es keine siebte Funktionsstelle für einen möglichen eigenen Fachbereich Inklusion. Und überhaupt gebe es gar keine spezielle Ausbildung für Gesamtschullehrer, obwohl das Anforderungsprofil ja ein ganz anderes als beim dreigliedrigen Schulsystem sei. Kritik kam auch auf, weil Bundes- und Landesmittel für eine externe Berufsorientierung gestrichen worden seien, die berufliche Orientierung jetzt wieder intern in der Schule laufen müsse. Da kämen oftmals ganz andere Resultate raus. Und auch der Grundschulzweig wurde angesprochen: Im Vergleich zur IGS Roderbruch – der zweiten Gesamtschule in Niedersachsen mit den Klassen eins bis vier – gebe es an der IGS Süd keine Primarstufe. Im Klartext: Die Lehrkräfte müssten 28 Wochenstunden leisten, ihre Kollegen in der Sekundarstufe II dagegen nur 24,5. Eine Ungerechtigkeit, die im Lehrerzimmer deutlich würde. „Wir sind die Sparversion des Roderbruchs“, sagte Mascha Brandt und gab Weil die Sorgen und Nöte mit auf den Weg.
Bei der zweiten Station in Langenhagen ging es nicht um das Thema Schule. Stephan Weil stellte sich beim Besuch der HAZ/NP/ECHO-Geschäftsstelle den Fragen der Redakteure Rebekka Neander, Julia Polley und Oliver Krebs. In Sachen Nachtflugregelung machte Weil genauso wie der Landtagsabgeordnete Rüdiger Kauroff, der ihn auf der Tour begleitete, deutlich, dass es einen ständigen Dialog gebe. Ohne Nachtflugregelung gehe es in Langenhagen nicht, das sei die wirtschaftliche Grundlage. Der passive Lärnschutz sei im Laufe der Jahre besser, die Motoren der Triebwerke leiser geworden. Die bisherige Regelung laufe zum 31. Dezember aus, das Beteiligungsverfahren laufe. Genauso wie Rüdiger Kauroff ist der Ministerpräsident der Ansicht, dass die technische Entwicklung der Ansatz sei. Was die Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher angehe, die so dringend gebraucht werden, spricht sich Stephan Weil klar gegen ein Downgrading bei der Ausbildung aus. Es sei ja über eine Veränderung der vierjährigen Ausbildungszeit und eine Dualisierung – also eine Verknüpfung von Theorie und Praxis – diskutiert worden. Für Weil liegt das Problem darin, dass keine Ausbildungsvergütung gezahlt, sondern sogar noch Schulgeld verlangt werde. Eine zweijährige entlohnte Ausbildung mit einer anschließenden berufsbegleitenden Weiterbildung zum Erzieher könnte die Lösung sein. Wie die Erzieherausbildung letztendlich ausgestaltet werde, darüber werde wohl noch in diesem Jahr entschieden. Letzter Punkt, bevor Weil nach Berlin aufbrechen musste, war Europa rund zwei Monate vor der Wahl und die Auswirkungen aufs Land. Und auch hier nahm der Ministerpräsident kein Blatt vor den Mund: „Der Wohlstand in Niedersachsen hängt in hohem Maße mit Europa zusammen.“ Die Briten würden die Folgen des Brexit noch spüren, ein Dexit, wie ihn die AfD für Deutschland fordere, sei Wahnsinn. Stephan Weil: „In Niedersachsen muss Jeder für Europa sein. Das ist die Grundlage für unseren Wohlstand.“