„Jeder muss so akzeptiert werden, wie er ist“

Bildungs- und Kulturausschuss spricht sich gegen Lerngruppen an weiterführenden Schulen aus

Langenhagen (ok). Mascha Brandt, Schulleiterin an der IGS Langenhagen, sprach im Bildungs- und Kulturausschuss Klartext: „Das ist dann die Behindi-Klasse des Jahrgangs.“ Gemeint war die so genannte Lerngruppe für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf, die die CDU-Fraktion vor allen Dingen an der Robert-Koch-Realschule, aber eben auch an der IGS Süd einführen wollte. „Wir wollen die Robert-Koch-Realschule weiterentwickeln“, erläuterte Jessica Golatka in der jüngsten Ausschusssitzung. Ihre Fraktion betrachte diese Lerngruppe als zusätzliches Angebot; die Schüler sollten punktuell herausgelöst werden. Das gehe aber nicht, machte der frühere IGS-Schulleiter Dieter Galas, der in der Materie sehr firm ist, deutlich. Die Lerngruppe sei als feste Einheit, also als eigene Klasse zu verstehen. Und Martin Märker, Konrektor an der Robert-Koch-Realschule, machte unmissverständlich deutlich, dass seine Schule diese Chance gar nicht ergreifen wolle. Auf dem derzeitigen Stand sei es eher eine Erschwernis für die Schule, die keine zweite Baustelle benötige. Für Mascha Brandt wären Lerngruppen ein Rückschritt auf dem Weg der Inklusion. „Das lispelnde Kind lernt doch auch von denen, die richtig sprechen können und nicht zusammen mit anderen lispelnden Kindern“, gab die Pädagogin ein plakatives Beispiel. Die Möglichkeit einer so genannten Lerngruppe stünde übrigens nicht im Schulgesetz, sondern sei eine Option, die im Koalitionsvertrag von SPD und CDU eingeräumt werde. Zusätzliche Lehrkräfte gebe es übrigens für die Lerngruppen nicht, die würden aus dem anderen Unterricht abgezogen. Und die 150 Sozialpädagogen, die die CDU in ihrem Antrag ins Feld geführt habe, seien nicht originär für die Inklusion zuständig. Was gebraucht werde, seien in „unserem verkappten Schulsystem“ pädagogische Mitarbeiter und Schulbegleiter. Mascha Brandt: „Es sind immer die Schüler, die wir nicht erreichen.“ Und Ursula Borkowski, Schulleiterin der Pestalozzischule, erinnern die Lerngruppen an die so genannten Hilfschulklassen der 50er-Jahre. Für Achim Hinz von der AfD ist aber auch klar: „Hätten wir die Pestaozzischule nicht abgeschafft, hätten wir das Problem nicht.“ Sei eine Sonderlerngruppe nicht das kleinere Übel auf die Gefahr hin, dass viele sonst das Ziel eines Schulabschlusses gar nicht erreichten. Wolfgang Kuschel (SPD) dagegen kann die Christdemokraten, die den Antrag nach Ansicht der Sozialdemokraten übrigens nicht fristgerecht eingereicht haben, nicht verstehen: „Warum setzen Sie sich gegen den geballten Sachverstand von Pädagogen zur Wehr?“ Domenic Veltrup (BBL) fragt sich, wie viel Kolletaralschäden der Inklusionsprozess überhaupt vertrage. Der hat nach Ansicht Ulrike Jagaus (Grüne) aber noch gar nicht richtig begonnen. Kinder müssten von Anfang an lernen, dass sie alle unterschiedlich seien und somit nicht ausgegrenzt oder gar aussortiert werden dürften. Jagau: „Unsere Gesellschaft ist nicht homogen; jeder muss so akzeptiert werden, wie er ist.“ Und Wolfgang Kuschel führt gegen die Lerngruppen ins Feld: „Immer, wenn man schwächere Schüler zusammensetzt, kommt nichts dabei heraus.“ Die Schwächen würden dann nur potenziert. Stärkere Schüler erwerben dagegen im Umgang mit Schwächeren Sozialkompetenz. Für den Schulexperten Dieter Galas scheint es schwer umsetzbar, Schüler an der Robert-Koch-Realschule je nach Wahlmöglichkeit inklusiv in der Regelklasse oder exklusiv in einer Lerngruppe beschulen zu lassen. In die müssten laut Bestimmung auch mindestens 13 Schüler gehen. In der Robert-Koch-Realschule gebe es im Moment gerade mal drei Schüler mit Förderbedarf. Für Jessica Golatka stellt die Lerngruppe aber nach wie vor ein probates Instrument dar. Es lasse einen kreativen Gestaltungsspielraum. Jessica Golatka: „Wir müssen flexibler auf die regionalen Bedürfnisse reagieren.“ Mit ihrem Plädoyer fand die Christdemokratin allerdings nur bei ihrer eigenen Fraktion Gehör; mit acht zu drei gab der Bildungs- und Kulturausschuss die Empfehlung, die Lerngruppen nicht einzurichten. Das letzte Wort hat jetzt aber der Rat der Stadt Langenhagen, der am nächsten Dienstag, 23. April, ab 18.30 Uhr im Ratssaal tagt.