Kitt und Katalysator zugleich

Halten Volkshochschulen für unverzichtbar: Mirko Heuer (von links), Annette v. Stieglitz, Björn Thümler und Landtagsabgeordneter Rainer Fredermann. (Foto: O, Krebs)

Wissenschaftsminister Björn Thümler sprach beim 70. VHS-Geburtstag

Langenhagen (ok). 70 Jahre Grundgesetz, 60 Jahre Stadtrechte in Langenhagen, 100 Jahre Volkshochschulen in Deutschland und eben der 70. Geburtstag der Volkshochschule (VHS) in Langenhagen – eine Menge runder Geburtstage stehen im Jahr 2019 an. Die Volkshochschule ist übrigens mit der Stadtbibliothek im Jahre 1949 an den Start gegangen. Gründer und erster Geschäftsführer war Walter Raap, der ein Jahr später das Langenhagener ECHO gründete. Bie der Geburtstagsfeier der VHS sprach Bürgermeister Mirko Heuer vom "geistigen Aufbruch nach dem Zweiten Weltkrieg", der damit begonnen habe. Und die Volkshochschule sei heute nicht mehr aus dem Stadtgeschehen wegzudenken, sei stark in die örtliche Gemeinschaft eingebunden und bilde eine lokale Diskursplattform mit etwa 30 Kooperationspartnern, auch was das Thema politische Bildung angehe.Seit der so genannten Flüchtlingskrise im Jahr 2015 stehe auch das Thema Integrationskurse ganz hoch im Fokus der Langenhagener Volkshochschule. So gab es beispielweise im vergangenen Jahr für 1.000 neue Mitbürger insgesamt 70 Kurse. Nach Auffassung Heuers unabdingbar für Integration vor Ort in den Kommunen. Die Kurse böten Orientierung, Nestwärme und Schutz. Teilnehmer des b2-Sprachkurses, die für ihr Zertifikat anspruchsvolle Prüfungen absolvieren mussten, stellten sich und ihre Arbeit bei der Feierstunde vor. Sowohl VHS als auch Stadtbiblothek sind Treffpunkte der Menschen. Heuer: "Das analoge Leben spricht für das persönliche Miteinander." Gerade in Zeiten der sozialen Medien, wo der Ton rauer werde und der Anstand in den Hintergrund gerate. Bildung lebe nicht von Gebäuden, sondern von Inhalten, Dialogen und Menschen. Er selbst habe seine ersten Erfahrungen mit der Volkshochschule als Schüler bei einem Elektronik-Kursus gemacht und den Austausch mit den Älteren als sehr fruchtbar empfunden. Jetzt habe seinen 14-jähriger Sohn ein Kursus mit ihm zusammen belegt, und er sei dieses Mal eben der "alte Sack" gewesen. "Die VHS ist immer menschlich, modern und am Puls der Zeit." Auch für Festredner Björn Thümler, Niedersächsischer Minister für Wissenschaft und Kultur, ist die Volkshochschule integraler Bestandteil der Stadtgesellschaft und gar nicht mehr wegzudenken. Thümler: "Sie zeichnet sich über Beständigkeit über Jahrzehnte aus." 1919 seien die Volkshochschulen zur Volks- und Demokratiebildung gegründet worden, später habe diese Volksbildung tragischerweise zur Verführung geführt.  Heute sei es für dei Demokratiebildung nötiger denn je, Volkshochschulen zu besuchen. Es herrscht eine Zeit des Umbruchs, der Ratlosigkeit und Orientierungslosigkeit. Menschen werden mit einfachen Antworten auf komplexe Fragen verführt." Thümler zitierte aus alten VHS-Programmen, wo "Rechnen des täglichen Lebens" für drei Mark angeboten wurde, "Diktatur oder Demokratie" oder eben "Nähen oder Malen" auf dem Zettel stand. Schwerpunkte, die auch heute durchaus noch aktuell seien. Eine wichtige Gruppe, die noch abgeholt werden müsse, seien die etwa sechs Millionen funktionalen und nicht-funktionalen Analphabeten in Deutschland. In Niedersachsen sollen zehn so genannte regionale Grundbildungszentren eingerichtet werden. Unziufriedenheit dürfe kein Nährboden sein. Auch VHS-Leiterin Annette v. Stieglitz sieht die unerlässliche Funktion von Volkshochschulen für die Demokratie. Sie seien Kitt und Katalysator zugleich. Besonders freute sich v. Stieglitz – sie hat 2003 die Nachfolge von Irma Schilken als Leiterin der Volkshochschule angetreten –  dass sich Thümler dafür aussprach, nicht nur berufliche Bildung, sondern auch die Volksbildung von der Mehrwertsteuer freizulassen.