Mehr Wildnis wagen!

Die Honigbiene auf dem Löwenzahn.
 
Das Hornveilchen verwildert im Garten leicht.

Stadtheimatpfleger Hans-Jürgen Jagau und seine Gedanken zur Gartenpflege

Zur Freude der Gartenbesitzer darf Grünschnitt wieder an den Sammelstellen abgegeben werden. Die immer deutlicher werdenden Wünsche nach dieser Möglichkeit zeigten, wie wichtig dieser Entsorgungsweg für Gartenbesitzer ist. Das hat damit zu tun, dass unsere Gartenanla- gen von Nutzgärten mit Gemüseanbau, Kartoffelstreifen und einer Kompostecke zu kleinen Parks mit (viel) Rasenfläche und Gehölzumrandung entwickelt wurden. Die Gehölze bleiben meist nicht so klein wie beim Kauf. Irgendwann wird ihr Wachstum unangenehm. Also müssen sie gekürzt werden und das Abgeschnittene weg. Beim Rasen ist es noch ärger, denn der soll doch an einen englischen Golfplatz erinnern. Wer Mulch-Mähen mit Roboter betreibt, hat es noch gut, er muss den Schnitt, man mag nicht von Schnittgut sprechen, nicht loswerden. Für die anderen Mäher gilt: auf dem Kompost taugt das Zeug nichts, die Grüngutsammelstellen wollen es auch nicht und in die Gegend kippen macht man einfach nicht. Wie wäre es da mit ein wenig Wildnis im Garten? Ja, etwas weniger Pflege wäre ganz recht, aber die Nachbarn, was sagen die dazu?
Nun, in unserem Falle ist der Garten groß, Nachbarn sind nicht so nah und über die Garten- mauer schauend sieht man ins Gebüsch. Also kann ungestraft mehr Wildnis entstehen. Man staunt bald, was sich alles verändert.
Es begann vor etwa zwölf Jahren mit verändertem Grasschnitt. Einfach nur noch selten mähen und dann nicht millimeterkurz, sondern auf etwa acht Zentimeter Länge. Außerdem ließen wir alles, was nicht Gras war, einfach wachsen. Das wuchs nun auch Löwenzahn, der als Frühlings- bote und Insektenweide nunmehr dem Stecher entkam. Das waren zudem freundliche Blüher: Veilchen, Gundermann, Glockenblumen, Vergissmeinnicht und andere mehr, die sich zunehmend breit machten. Ausgesamte Gehölze wurden in die kleine Baumschule verpflanzt und von dort in (meinen) Wald oder Gehölzstreifen umgesiedelt. Seit Anfang April sorgen die am Gehölzsaum der Gartenwiese verbreiteten roten Taubnesseln (natürlich Unkraut!) für die verschiedenen Hummelarten, die den Garten absuchen. Auch die verbreiteten Veilchen-Teppiche werden im zeitigen Frühling gern besucht.
Haben Sie im Bild der roten Taubnesseln oben das Insekt in der Mitte gesehen? Hier zur Aufklärung eine Ausschnittsvergrößerung. Es ist keine Hum- mel, sondern ein Wollschweber. Die gehören zu den Fliegen und werden gern mit Hummeln ver- wechselt. Ihr Flug ähnelt einem Kolibri, denn sie stehen schwirrend in der Luft und senken den lan- gen Saugrüssel in die besuchte Blüte. Wegen der rasenden Bewegung ist das Insekt etwas unscharf abgebildet.
Hier bricht der Gundermann aus dem verbliebenen Laubteppich heraus. Zum Wildnisgarten gehört auch, dass Laub weder gefegt, gesaugt, geschreddert oder lautstark weggepustet wird. Es bleibt da, wo es der Wind hingeweht hat. Feuerwanzen tummeln sich zwischen den trockenen Blät- tern. Sie saugen an herunterge- fallenen Pflanzensamen – beson- ders der Linde - und sorgen so da- für, dass die Baumschule nicht zu groß wird. Ihre auffallende Färbung wird als Warnfarbe angesehen, weshalb sie Vögel ver- schmähen. Es gibt im Wildnisgarten jedoch Liebhaber der Feuerwanzen, denen nichts von einem eventuellen Giftgehalt bekannt ist (Die Vögel verwechseln diese Wanzen nur mit den unangenehmen Ritterwanzen ähnlicher Färbung). Dieser Insektenfresser ist selbst ein ganz besonderes Lebewesen mit einem passenden Namen: Ameisenlöwe. Dieser Bursche fühlt sich an der mit Wein bekleideten Südmauer eines alten Hofgebäudes sichtlich wohl, denn dort findet er trockenen, losen Sand in Fülle. In diesen Sand gräbt er sich ein, buddelt den Trichter, an dem man allein seine Anwesenheit erkennen kann, dreht sich tief in den losen Sand, damit die Kieferzangen zum Fang der Beute bereit sind. Kommt zum Beispiel eine Feuerwanze auf den Rand des Trichters oder gar auf dessen rutschige Steilwand wird sie sofort gezielt mit Sand beworfen bis sie nach unten purzelt und dort von den mächtigen Zangen gepackt werden kann. Das ist im unteren Bild bereits geschehen. Deshalb wird die suchende zweite Wanze auch nicht be- worfen, denn der Löwe ist mit dem ersten Fang beschäftigt. Zur Beruhigung: diese entkam ihrem Ausflug zu danebenliegenden Trichter trotz eifrigen Bewurfes mit knapper Not.
Zum Nachlesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Ameisenl%C3%B6we
Das hier Geschilderte war vor acht Tagen innerhalb einer kleinen halben Stunde im Garten zu sehen. Wer so etwas immer noch nicht zu schätzen weiß ist vielleicht mit dem folgenden Bild getröstet. Das Hornveilchen stammt aus Gärtnereien und verwildert im Garten leicht, wenn man die typischen Blätter kennt und ihm nicht mit der Hacke den Garaus macht. Da haben wir noch einen der vielen Tagfalter, denen es im verwilderten Garten gefällt. Es ist der kleine Feuerfalter, der hier allerdings auf dem wirklich feu- erroten Mahonienblatt (auch verwildert) etwas blass aussieht.
Sein Nachbar ist der früher häufige C-Falter, der als Vollinsekt versteckt in Holzspalten
und anderen Verstecken überwintert. Das es ein altes Exemplar ist, sieht man an der ver-
waschenen Farbe, denn die Farbschuppen auf den Flügeln gehen im Lauf eines längeren
Lebens mehr du mehr verloren. Der Garten bietet reichlich Altholz und anderen Unter-
schlupf. Da könnte ich noch viel dazu schreiben. Gerne erwähne ich noch den Bläuling, der hier ebenfalls auf einem Blatt der Mahonie „verschnauft“. Eins teile ich noch gerne mit: seit einige Tagen ist wieder die Nachtigall im wilden Buschwerk zu hören. Der verwilderte Garte ist nämlich auch ein Paradies für allerlei Vogelarten. Artenschutz kann manchmal einfach sein. Man muss nur seine gestaltenden Finger ruhig stellen und es einfach blühen und wachsen lassen.