Mimuse 4.0 sticht trotz Corona

Das Team der Mimuse zusammen mit den Künstlern des Abends. Matthias Brodowy (vorn liegend) Detlef „Desimo“ Simon und Robert Wicke (hinten) 
 
Matthias Brodowy, Franz Gottwald und Robert Wicke spielen zusammen das Langenhagen-Lied, Brodowys identitätsstiftende Hymne an die Flughafenstadt.

40 Jahre Kabarett, Musik & Kleinkunst in Langenhagen

Langenhagen (dl). Das hatten sich Inga Herrmann, die neue Programmchefin der Mimuse und mit ihr das Team der Klangbüchse ganz anders vorgestellt. Noch im Frühsommer überwog die Hoffnung auf einen, wenn auch eingeschränkten und mit weniger Shows, ansonsten aber weitgehend normalen Spielbetrieb im Herbst. Bald aber zeigte sich, dass daran coronabedingt nicht zu denken war. „Alles anders also und vieles anstrengend“ so das inoffizielle Motto der Jubiläumsausgabe im Herbst 2020. Oder wie Karl Valentin zu sagen pflegte: „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“. Wohl wahr, allein die umfangreichen Corona Schutz- und Hygieneauflagen erfordern einen erheblichen Arbeits- und Personalaufwand für die ehrenamtlichen Mitglieder der Klangbüchse. Statt der sonst möglichen 600 Plätze dürfen unter Coronabedingungen nur 160 besetzt werden werden und die gegenwärtige Baustellensituation in der Robert-Koch-Schule bzw. der Leibniz IGS, wie die Schule jetzt heißt, macht die Sache nicht einfacher. Aus Anlass des 40jährigen Mimuse-Jubiläums wollte die Klangbüchse außerdem ein großes Fass aufmachen und den runden Geburtstag des internationalen Kleinkunstfestivals angemessen begehen. Eigentlich, aber leider musste die geplante Mimuse 4.0 Jubiläumsparty ebenso ausfallen wie ein Großteil der bereits gebuchten Veranstaltungen, von denen nicht wenige in das kommende Frühjahr und den Herbst verlegt werden mussten, ausgestattet mit dem Prinzip Hoffnung. Dennoch, wichtig ist, dass der Spielbetrieb überhaupt wieder anläuft. Da zahlt sich die Zusammenarbeit mit der Stadt Langenhagen aus, die unter anderem die beiden Spielstätten, den Theatersaal und das daunstärs, zur Verfügung stellt. Nach den beiden schönen Warm-ups in der Elisabethkirche mit H.G.Butzko und Renè Marik sahen die Gäste der Mimuse-Eröffnungsshow mit Matthias Brodowy, Detlef „Desimo“Simon und dem Jongleur und Beat-Box Artisten Robert Wicke eine furiose Mischung im Theatersaal aus Kabarett, Musik, Zaubertricks und Comedy mit dem Titel „Ich und die zwei anderen“. Interessante Analogie am Rande: Wicke begeisterte mit seiner Jonglage-Comedy und Beat-Box Artistik bereits vor drei Jahren die Zuschauer im Circus Roncalli aus Anlass dessen vierzigsten Jubiläums. Desimo und Matthias Brodowy muss man sicher nicht mehr vorstellen, beide begannen ihre Karriere unter anderem auch im daunstärs bzw. im Theatersaal. Womit wir mittendrin sind in einer nostalgischen Rückschau auf die Anfänge der Mimuse. Zuvor noch ein Blick auf den Verein Klangbüchse, den Veranstalter des Kleinkunstfestivals. Gegründet im Jahr 1976.von Udo Püschel, damals Bauingenieur im Stadtplanungsamt. Zunächst als Arbeitsgruppe des Stadtjugendrings., mit dem Ziel, Folklore-Konzerte zu organisieren. Daraus resultierten dann die Klangbüchsen-Folkfestivals, jeweils in der Aula des Schulzentrums, die in der Folkszene sehr bald einen guten Namen hatten. Daneben bekam die Klangbüchse AG im Keller des neuen Freizeitheims einen Jugendraum zur Verfügung gestellt, den Püschel „daunstärs“ nannte. Neben den weiteren Veranstaltungen im Jahr und dem Folkfestival im Herbst entstand in der Politik der Wunsch nach einem Kulturfestival, wofür Mittel aus dem Haushalt der Stadt bereitgestellt wurden. Mit der Organisation und Durchführung wurde die Klangbüchse AG beauftragt, weil die Stadt kein eigenes Personal dafür hatte. So wie die Folkfestivals organisierte Püschel 1981dann auch die erste Mimuse über drei Tage. Anfangs war der Etat klein und große Namen damit außer Reichweite. Mit dabei war damals neben Ulrich Roski ein in Norddeutschland noch ziemlich unbekannter Kabarettist namens Mathias Richling. Die Mimuse entwickelte sich prima und bereits 1983 schrieb die Presse über Langenhagen, das sehr bald zur Kabarettadresse Nr. 1 avancierte, als das „Mekka der Kleinkunst.“ „Der Name des Festivals leitet sich ab von dem frechen Spaßmacher Mimus im antiken Theater“ erinnert sich Püschel. Somit war der Name zugleich Programm. Insbesondere in den ersten drei Jahren lag der künstlerische Schwerpunkt im Bereich vielfältiger Musik,- und Straßentheaterformen., wie sie in diesem Zeitraum in Europa sehr gefragt waren. Hier kann beispielsweise die Amsterdamer Fools-Szene als stilbildend gelten. Ab 1984 fand im Programm der Mimuse ein Trendwechsel statt hin zum Kabarett. Dennoch blieb das Theater ein wichtiger Faktor in den vielfältigen Mimuse-Programmen. Erwähnt seien hier Tag Teatro aus Venedig als perfekte Verkörperung der Commedia dell Àrte und das Bilderballett „Bilder einer Ausstellung“ von Wassily Kandinski zur Musik von Modest Mussorgskij. Der Platz reicht nicht aus, um die vielen Highlights aus 40 Jahren Mimuse aufzuzählen. Mit 12 bis 13 Veranstaltungen in 14 Tagen wuchsen auch die Anforderungen an die Mitglieder der Klangbüchse, denn im Gegensatz zum heutigen daunstärs und Theatersaal kamen seinerzeit noch die ehemalige Mensa der IGS und die Aula des Schulzentrums als temporäre Spielstätten hinzu. Das hieß, am Freitag alles aufbauen und einrichten und am Sonntagabend alles wieder abbauen und wegräumen, denn ab Montag gehörten Mensa und Aula wieder den Schülern. 1989 kam der Grafiker und Flamencogitarrist Franz Gottwald zur Klangbüchse dazu und übernahm als Programmchef und Vorsitzender des Vereins vor gut fünf Jahren das Amt und die Rolle von Udo Püschel. Gottwald spielte bereits 1978 beim ersten Klangbüchsenfestival zusammen mit Victor Svec als Duo Flamenco. Damit schließt sich für ihn ein Kreis: Bei der Eröffnungsshow zum 40-jährigen Mimusejubiläum spielte Gottwald mit Matthias Brodowy und Robert Wicke zusammen das Langenhagen-Lied, Brodowys identitätsstiftende Hymne auf die Flughafen-Stadt. „Für mich war das sehr schön, weil Matthias und ich schon immer mal was zusammen machen wollten,“ freute sich Franz Gottwald, der im Sommer dieses Jahres in den Ruhestand ging und das Amt als Mimuse-Chef an Inga Herrmann übergab. Als Berater bleibt Gottwald der Mimuse allerdings noch eine Weile erhalten.