Mutterland

Zukunft braucht Herkunft, Gedächtnis ist Gedenken, ist Anteilnahme (Hans Margolius). Es geht um die Erinnerung: Vor 100 Jahren wurde der 1. Weltkrieg beendet. Vor 80 Jahren war die Reichspogromnacht. Vor 73 Jahren wurde der 2. Weltkrieg beendet. Millionen von Toten innerhalb von 31 Jahren, gefallene Soldaten und Zivilisten, verfolgte Minderheiten und politische Gegner. Die Frage, die sich aus heutiger Sicht stellt lautet: Warum das alles? Ich höre noch die Antworten aus der Schulzeit nachklingen: Ja, das war die Zeit der großen Ideologien, die aufeinander prallten. Den Soldaten wurde mit auf den Weg gegeben „Für Ehre und Vaterland“, aber auch „Gott mit uns“. Vaterland, das Land der Väter, der Vorfahren, heute würden wir das vielleicht Heimat nennen, damals wurde es automatisch mit der Nation gleichgesetzt. Mit der Gründung des Kaiserreiches war der Nationalismus vollends entfaltet. „ Wir zuerst!“, das führt zu Konflikten und zu Krieg. Verwoben mit dem romantischen Bild des Vaterlandes und „Gott mit uns“ ließen sich damit Massen von Menschen mobilisieren und ferngesteuert für die Interessen weniger Mächtiger in die Kriege schicken. „Gott mit uns!“ war ein Bild, das keine Rückfragen zuließ, das gern genutzt wurde, um zu zeigen, dass man auf der „richtigen“ Seite stand. Aber auch die Gegner sagten „Wir zuerst!“ mit dem gleichen Recht. Auch sie beriefen sich auf Ehre und Vaterland. Mit dieser nationalistischen Ausschließlichkeits-Formel, Ehre, Vaterland, Gott mit uns, bezogen auf die eigene Nation, war und ist immer ein hoher Grad an Egoismus, Eigennutz und die Gefahr von Kampf und Krieg verbunden. Aber da ist Gott nicht mit dabei. Nach Jesus von Nazareth steht Gott für Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe, für die Geborgenheit und die Anteilnahme. Wenn heute von Politikern wieder über Heimat und Patriotismus als Verbundenheit mit der eigen Nation gesprochen wird, um vor einem erstarkenden Nationalismus zu warnen, dann ist diese Warnung zwar berechtigt, denn Nationalismus birgt zwangsläufig die zerstörerischen Elemente unserer modernen Welt. Anderseits täten wir gut daran, einmal darüber nachzudenken, warum es nicht Mutterland, oder Matria heißt, denn schließlich werden alle Menschen von und durch ihre Mütter geboren. Wir brauchen mehr Empathie und Mitgefühl, um ein gesamteuropäisches Zuhause zu schaffen. Dann wäre auch der schwierige Begriff der Heimat durch Zu-Hause gut zu ersetzen. Denn: »Das, was allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: ist Heimat« (E. Bloch) ‑ und das ist in Gott.
Falk Wook, Pastor