Quergedacht

Sag mir, wo die Blumen sind

Eine große Trockenheit war über das Land gekommen. Zuerst war das Gras verdorrt, starben Büsche und kleinere Bäume. Viele Tiere verdursteten. Brunnen und Flüsse trockneten aus. Eine einzige Blume war am Leben geblieben, denn eine ganz kleine Quelle gab noch ein paar Tropfen Wasser.
Die Quelle war verzweifelt: „ Alles vertrocknet und stirbt. Ich kann daran nichts ändern." Ein alter Baum hörte die Klage und sagte bevor er starb zur Quelle: „Niemand erwartet von dir, die ganze Wüste zum Grünen zu bringen. Deine Aufgabe ist es, einer Blume Leben zu geben. Mehr nicht!"
Lange bevor uns in Europa die Klimakatastrophe bewusst wurde, beschreibt dieses Märchen aus Afrika verheerende klimabedingte Veränderungen. Vielleicht will uns aber dieses Märchen auch noch etwas über eine andere Klimakatastrophe lehren: über die frostige Eiszeit nämlich zwischen Staaten, Völkern, Rassen, Religionen und über das oft wüstenähnliche dürre zwischenmenschliche Klima im Allgemeinen. „Ich kann da nichts tun und wenn, wäre es nur ein Tropfen auf den heißen Stein", sagen wir überfordert und gehen resigniert zur Tagesordnung über.
„Niemand erwartet von dir, die ganze Wüste zum Grünen zu bringen. Deine Aufgabe ist es, einer Blume Leben zu geben. Mehr nicht!", sagt der Baum im Märchen. Ein Lächeln also, ein gutes Wort, ein offenes Ohr, Hilfe auf die ein oder andere Art, all das könnte unser Wasser sein, mit dem wir im täglichen Tun und im Rahmen unserer Möglichkeiten genau der Blume Mensch „Leben" geben könnten, die unser „Wasser" benötigt.
„Sag mir wo die Blumen sind?" könnten Sie nun in Anlehnung eines bekannten Liedes fragen. Schauen Sie einfach einmal genau hin z.B. auf der Arbeit, in der Stadt und in der Familie und trauen auch Sie sich zu bei Bedarf zur kleinen Quelle zu werden. Sie werden sehen: da blüht uns was - im guten Sinne. Denn nur viele kleine Quellen werden gemeinsam die Wüste wieder zum Grünen und Blühen bringen.
Hartmut Lütge, Langenhagen