Quergedacht

I am Legend?

Mir scheint, das „geozentrische Weltbild“ wandelt sich gerade in ein „egozentrisches Weltbild“. Hat die Menschheit nicht vor vielen Jahren erkannt, dass die Sonne sich nicht um die Welt dreht? Heute scheinen aber viele Menschen zu denken: „Stimmt, aber die Welt dreht sich um mich.“ Alles, was passiert, muss mir zum Besten dienen. Was mich nicht glücklich macht, brauche ich nicht, und wer mich nicht glücklich macht, wird aussortiert.
Ja, es ist gut, dass wir uns um uns selbst kümmern können. Es ist gut, dass wir nicht mehr in Sklaverei leben, in der unser Leben ganz auf das Leben eines anderen ausgerichtet war. Auch, dass eine Frau nicht mehr unbedingt auf ihren Mann angewiesen ist, ist gut. Richtig und wichtig, dass ihr Arbeitgeber nicht mehr nach der Erlaubnis ihres Ehemannes fragt. Das alles ist aber noch lange kein Grund, sich zu verhalten, als wäre ich der einzige Mensch auf Erden, oder als wäre mein Kind eine Prinzessin oder mehr wert als andere – oder gar unfehlbar.
John F. Kennedy hat den Satz geprägt: „Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann – fragt, was ihr für euer Land tun könnt.“ Mein Vorschlag wäre, das „Land“ durch „Umfeld“ zu ersetzen. Auch die Bibel regt dazu an. Nicht nur, wenn sie das Doppelgebot der Liebe priorisiert: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, sondern auch mit dem Hinweis „Geben ist seliger denn nehmen“.
Sie brauchen sich nicht selbst zu vergessen, aber vielleicht nehmen Sie doch auch mal andere mit in den Blick. Es tut einfach gut, anderen eine Freude zu bereiten. Es ist bereichernd, auch „fremde“ Kinder mit ihren Bedürfnissen wahrzunehmen und zu merken, wie einfach das Miteinander klappen kann. Vielleicht haben Sie auch einfach mal Lust dazu, von etwas Schönem, das Sie gefunden haben, anderen abzugeben. Oder, ganz im Gegenteil, Ihre Sorgen und die Last auf Ihren Schultern mit einem Mitmenschen zu teilen. Wagen Sie es doch einfach mal …
Im Gegensatz zu Will Smith im Film „I am Legend“ sind wir nämlich eindeutig nicht allein auf der Welt. Und meiner Meinung nach ist das auch richtig gut so!

Annika Kruse, Diakonin