Quergedacht

Mit offenen Augen

Ostern ist vorbei – das wohl wichtigste Fest für uns Christen. Wir feiern, weil wir glauben, dass Jesus nach seinem Tod auferstanden ist. Die Evangelien erzählen von unterschiedlichen Begegnungen nach der Auferstehung. So auch von zwei Jüngern, die auf dem Weg nach Emmaus auf Jesus trafen, ohne ihn zu erkennen. Er begleitete sie sogar einen Teil ihrer Reise und doch bemerkten sie dabei nicht, dass ihr Weggefährte der Sohn Gottes war. Ich konnte nie so richtig verstehen, wie es passieren konnte, dass seine Jünger ihm begegnet sind, ohne ihn zu erkennen – schließlich waren sie doch eine ganze Zeit miteinander unterwegs. In der Bibel steht jedoch, dass Jesus ihnen in einer anderen Gestalt erschien. Diesen Aspekt hatte ich lange nicht bedacht. Jesus war gestorben, das war allen klar, und wäre ich an ihrer Stelle gewesen, ich hätte keine weitere Begegnung mit ihm erwartet. Und wenn ich etwas nicht erwarte – wie schnell übersehe ich es vielleicht auch? Es gibt eine – so finde ich – wunderschöne Geschichte: Ein kleiner Junge packt seine Tasche mit Kuchen und Apfelsaft und verabschiedet sich von seiner Mutter mit den Worten, er gehe in den Park, um Gott zu suchen. Dort angekommen setzt er sich neben eine obdachlose Frau. Er packt einen seiner kleinen Kuchen aus und will beginnen, ihn zu essen. Er überlegt, hält inne und reicht ihn schließlich seiner Banknachbarin. Sie freut sich sehr darüber und die beiden kommen ins Gespräch. Sie verstehen sich sehr gut, lachen, essen und trinken miteinander. Nach einer Weile merkt der Junge, dass es spät geworden ist und verabschiedet sich mit einer herzlichen Umarmung. Zu Hause angekommen fragt seine Mutter, ob er Gott gefunden habe. Er antwortet: „Gott ist eine Frau, Mama. Und sie hat das schönste Lächeln, das ich jemals gesehen habe.“ Auch die obdachlose Frau zieht weiter und begegnet einer Bekannten. Diese wundert sich über ihr breites Lächeln. Die Frau erzählt: „Ich habe gerade im Park Kuchen mit Gott gegessen. Er ist viel jünger als ich erwartet hatte.“ Vielleicht liegt es an uns, unseren Rucksack zu packen, mit offenen Augen durch unseren Alltag zu gehen und – vielleicht in ganz unerwarteter Gestalt – Gott zu begegnen.

Ramona Baum, Diakonin