Quergedacht

Jede Arbeit soll gelebt werden

Jedes Jahr, wenn Gewerkschaften und politische Parteien am 1. Mai den „Tag der Arbeit“ begehen, ehrt die Katholische Kirche den heiligen Josef als „Patron der Arbeiter“. Vielleicht sind wir uns dessen zu wenig bewusst, was es heißt, das Jesus in der Familie Josefs, des Arbeiters, geboren werden und aufwachsen wollte.
Wenn wir an Stelle Gottes die Entscheidung zu treffen gehabt hätten, welche Eltern Jesus haben sollte, dann wäre uns womöglich eingefallen: Es müssen reiche, angesehene Leute sein, die auch weltlich etwas darstellen. Am ehesten würde wohl ein irdisches Königsgeschlecht dieser göttlichen Würde des Jesuskindes entsprechen. So denkt der Mensch! Doch Gott sagt: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege.“ (Jes 55,8).
Gott wählte die Armut und Einfachheit der Familie von Nazareth aus, um in Jesus Christus Mensch zu werden. Josef, der Zimmermann, sollte die Stelle eines irdischen Vaters vertreten.
Als Jesus größer wurde, wird er selber in der elterlichen Werkstatt den Beruf seines Vaters Josef erlernt haben. Ein Zimmermann war damals für viel mehr zuständig als wir uns heute darunter vorstellen. Er vereinigte mehrere praktische Berufe in sich und war eine Art Baumeister. All dies hat Jesus gelernt und auch für einige Jahre ausgeübt. So hat er durch sein Beispiel die menschliche Arbeit geheiligt und uns ihren Wert und ihre Würde gezeigt!
Wenn die Katholische Kirche am 1. Mai Josef als den Arbeiter feiert, dann zeigt das: Es kommt für den Menschen nicht darauf an, welche Art von Arbeit er ausübt. Vor Gott gibt es keine geringen und unbedeutenden Tätigkeiten. Jede Arbeit soll als Berufung verstanden und gelebt werden. „Tut alles zur Verherrlichung Gottes!“ (vgl. 1 Kor 10,31). Es kommt auf die Größe der Liebe an, mit der wir unsere täglichen Pflichten und Aufgaben erfüllen, nicht auf den äußeren Schein. So kann ein jeder Großes vor Gott wirken!

Hartmut Lütge, Pfarrer