Quergedacht

Frieden auf dem Weinberg

Davids Familie besitzt einen Weinberg in Bethlehem. Ich habe ihn dort besucht bei meiner letzten Reise nach Israel. Seit fast einhundert Jahren baut seine Familie dort neben Wein auch Oliven und Obst an. Und sein Großvater hat damals alles richtig gemacht, als er den Berg gekauft hat und die Urkunde ordnungsgemäß von der damaligen türkischen Regierung besiegeln ließ; auch die Briten und die Israelis haben ihm seinen Besitz im Laufe der Jahre mit vielen Stempeln bestätigt.
Deshalb war die christliche Familie Nasser total entsetzt, als die israelische Regierung 1981 sie enteignen und den gesamten Weinberg erst zu einem militärischen Sperrgebiet erklären wollte, um dann später eine weitere jüdische Siedlung darauf zu errichten. Seit fast 40 Jahren läuft das Gerichtsverfahren jetzt.
Weil David kein Haus mehr auf seinem Grundstück bauen darf, empfing er mich zum Essen unter freiem Himmel und dann später zum Gespräch in einer Höhle. Der Weg dahin war schwierig, denn das Militär hat die Zufahrtsstraße zuschütten lassen. Aber seit David ausländische Gäste empfängt, wird er immerhin nicht mehr beschossen. Die israelischen Soldaten kommen trotzdem immer wieder mal; vor zwei Jahren haben sie in einer Nacht- und Nebelaktion dreihundert Olivenbäume abgesägt!
„Wie hältst du das bloß aus?“, wollte ich von David wissen. „Jesus macht mir Mut zum Frieden, den ich hier mit den Menschen erlebe, die ebenfalls für den Frieden eintreten“, antwortet er und erzählt von der jüdischen Gemeinde, der das mit dem Abhacken der Olivenbäume so peinlich war, dass sie ihn besucht und einfach dreihundert neue Bäume gepflanzt hat. Seine christlichen Kinder haben viele muslimische Freunde; die lädt er oft ein, auf seinem Weinberg gemeinsam zu feiern und unter freiem Himmel zu übernachten; so bringt David Menschen zusammen.
Schwer beeindruckt ziehe ich am Nachmittag wieder weiter. Am Gartentor bleibe ich noch einmal stehen und lese, was David dort in mehreren Sprachen in Stein gemeißelt hat. Ja, das passt zu ihm, denn dort lese ich: „Wir weigern uns, Feinde zu sein!“

Rainer Müller-Jödicke, Pastor