Quergedacht

Sprung in der Schüssel

Wir Menschen sind verschieden. Manchmal fällt uns das unangenehm auf. „Du hast ja eine Macke“, sagen wir dann leichthin. Da kommt uns einer dumm oder wir ärgern uns über den Fehler des anderen. Oft halten wir uns dann für etwas Besseres. Eine kleine Geschichte aus China zeigt aber, dass dieses ein Irrtum sein kann:
Eine alte Frau hatte einst zwei große Schüsseln. Diese hingen an den Enden einer Stange, die sie über ihren Schultern trug. Täglich musste sie zum Fluss laufen, um Wasser zu schöpfen. Eine der beiden Schüsseln hatte einen kleinen Sprung, so dass die Hälfte ihres Wassers auf dem langen Nachhauseweg verloren ging. Die andere war makellos und natürlich sehr stolz auf ihre Leistung. Einmal sprach die Schüssel mit dem Sprung traurig: „Frau, ich schäme mich. Seit Jahren vergeudest du mit mir die Hälfte des Wassers. Ich bin zu nichts zu gebrauchen. Bitte wirf mich weg, und ersetze mich durch eine perfekte Schüssel wie die andere.“
Die alte Frau aber lächelte: „Ist dir nicht aufgefallen, dass auf deiner Seite des Weges Blumen blühen, aber auf der Seite der anderen Schüssel nicht? Ich habe auf deiner Seite Blumensamen gesät, weil ich mir deiner Besonderheit bewusst war. Nun gießt du sie jeden Tag, wenn wir nach Hause laufen. Die Blüten erfreuen mein Herz und das meiner Nachbarn und sie erleichtern mir den mühevollen Weg. Nein, ich werde dich ganz bestimmt nicht austauschen. Wenn du nicht genauso wärst, wie du bist, würde es diese Schönheit nicht geben.“
Wir sind verschieden, das sagt auch der Apostel Paulus. Er wendet es positiv: Jeder hat verschiedene Gaben. Er hat sie von Gott erhalten. Mit ihnen kann er der Gemeinschaft nutzen. Es kommt darauf an, was man daraus macht. Und es hängt davon ab, ob man in etwas den Makel oder den Nutzen sieht. Wie verschieden wir auch sind, jeder von uns hat seine ganz eigenen Macken und Fehler. Und genau diese Macken sind es, die uns einzigartig machen und unser Leben so interessant. Deshalb sollten wir jeden Mitmenschen einfach so nehmen, wie er ist und vor allem das Gute in ihm sehen.

Frank Foerster, Pastor