Quergedacht

Zeit für eine Pause

Im Konzertsaal ist andächtige Stille zu verspüren. Alle lauschen ganz ergriffen der Musik. Und da ertönt plötzlich ein Ruf aus den hinteren Reihen: „Ist ein Arzt da?“ Die Musiker unterbrechen – warten, bis sich ganz vorn eine Zuhörerin erhebt und ruft: „Ich bin Ärztin. Was ist los?“ Da kommt schallend durch den Saal zurück: Ist das nicht ein wundervolles Konzert, Frau Kollegin? Alles lacht, der Saal tobt vor Begeisterung und klatscht tosenden Beifall. Eine Pause ist ein Freiraum, der den Standpunkt zur aktuellen Situation verändert. Wer am Morgen noch den Brief genau so losschickt, den er am Abend in ernster Angelegenheit geschrieben hat, der hat nicht die Kraft der nächtlichen Träume einfließen lassen. Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. Wir werden doch älter - Zeit unseres Lebens. Unsere Standpunkte sind nur Skizzen, kein Granit. Kräfte, Gaben, Aufgaben muss ich oft neu wägen. Und ich muss zulassen, dass die andern sich umorientieren. Es ist doch Glück, seine Meinung ändern zu können. Gut, wenn ich merke, was dran ist. Im Anfangen und Aufhören gestaltet sich das Ich. Die Seele erhält ein Anwachsen aus dem Wechsel von Vergilben und Grünen, Befreunden und Vernachlässigen, einen Fall abschließen und ein neues Projekt säen. Wer liebt, der muss auch loslassen können. Wir können nicht mal alle Ernte festhalten, wir müssen die Hände leeren, damit sie Neues fassen können. Und dies Verlangen nach mehr Leben wird mal der Inhalt unseres Lebens gewesen sein. Und zu diesem Verlangen nach mehr Leben gehören auch die Pausen. Sie sind sozusagen die Löcher im Käse der Zeit und diese Löcher, das wissen wir seit der Kindheit, schmecken am besten. Und mal ehrlich, wer von uns liebt nicht die Pausen. Viele Kinder gehen nur gern zur Schule der Pausen wegen - weil man da seine Sozialkontakte leben kann. Pausen sind interessant. Und auch beim Zuhören der Predigt ist doch so eine kleine Pause des Abschaltens ganz erholsam und erfrischend. Der Kirchenschlaf sei gesund sagt eine Bauernweisheit. Ja, in den Pausen steht die Uhr - die Zeit aber, sie läuft weiter. Daher lebt das Leben in den Pausen. „Beim Nichtstun", so hat es der weise Laotse treffend paradox formuliert, „bleibt nichts ungetan." Selbst die Fußballpausen gehören zu den größten Höhepunkten dieser Sportart. Es gibt Anhaltspunkte für die Vermutung, so der Philosoph Peter Sloterdijk, „dass ein guter Tell des wirklichen Lebens sich nicht auf dem Spielfeld, sondern im Seiten-Aus abspielt, nicht während des Hauptprogramms, sondern in der Pause". Die Pausen sind die Zwischenräume im Lattenzaun, der ohne diese ja nicht existieren würde....
Deshalb: Alles hat seine Zeit (Prediger Salomo 3, 1).

Falk Wook, Pastor