Quergedacht

Unten am Fluss

Ich sitze am Fluss und werfe Steine ins Wasser. Ich bin in Gedanken versunken und kraftlos, also fliegen sie nicht allzu weit. Plop. Plop. Irgendwann höre ich hinter mir Schritte. Das nervt mich, denn ich wäre lieber alleine. Dann könnte ich mich schön weiter in meine miesen Gedanken hineinsteigern.
„Wenn du mir zu nahe kommst, wirst du dir ein Donnerwetter anhören müssen“, warne ich gedanklich den Störenfried. Es laut auszusprechen hätte wohl gelohnt – denn jetzt setzt sich der Besagte direkt neben mich. Na herzlichen Dank. Es ist Mister G. Ich kenne ihn, und eigentlich mag ich ihn. Aber in mir brodelt es eben. Auch eine kleine Träne kullert schon meine Wange herunter.
Seltsamerweise spricht er mich gar nicht an. Sitzt einfach nur da. Nach einer Weile entspanne ich mich etwas. Langsam formen sich meine Gedanken zu Sätzen und schon bald sprudelt es nur so aus mir heraus. „Ich halte das nicht aus! Es macht mich alles so traurig. Ganze Länder bekriegen sich, eine Menge Leute versuchen auf seltsamen Wegen die Familienehre zu retten, dauernd streiten sich die Leute um mich herum. Die übelsten Schimpfwörter sind schon alltäglich geworden. Alle wollen sich dauernd rächen. Und in mir selbst toben auch tausend Gedanken.“
Ich atme tief ein und lasse dann die Schultern sinken. Nun dreht sich Mister G zu mir um. Ein verschmitztes Lächeln zeigt sich in seinen Augen. „Meine Liebe. Es ehrt dich, dass dein Herz so weich ist und du den Unfrieden anderer kaum ertragen kannst. Leider geraten die Interessen verschiedener Personen schon seit Menschengedenken aneinander. Vielleicht gelingt es dir eines Tages, die Welt zu retten. Aber bis dahin kannst du doch bei dir selbst anfangen. Nicht, weil du egoistisch auf dich selbst konzentriert sein sollst. Dein innerer Friede wird dir zu neuer Kraft verhelfen, auszuhalten, was nicht zu ändern ist und auch durchzuhalten. Dadurch wirst du auch selber in weniger Streitigkeiten geraten. Und wer weiß, vielleicht lässt sich ja der eine oder die andere von dir inspirieren.“
Über diese Worte muss ich noch lange nachdenken, und es werden noch einige Gespräche dazu folgen. Mit Mister G und vielleicht auch mit anderen. Aber es hat etwas in mir ins Rollen gebracht und ich bin ganz gespannt, welche Erkenntnisse sich mir noch ergeben. Und vielleicht – nur vielleicht – sitze ich das nächste Mal am Fluss schon viel aufrechter und gestärkter.

Annika Kruse, Diakonin