Quergedacht

Bethlehem ist da, wo Zuneigung ist

Manchmal staune ich darüber, wie sehr ich mich in jedem Jahr wieder von Weihnachten anrühren lasse – seit so vielen Jahren schon, immer wieder. Vielleicht ist der Grund ganz einfach: Weihnachten berührt unser Herz, weil es das Leben zeigt. Bethlehem ist überall.
 Bethlehem ist da, wo Menschen im Dunkeln sitzen und es trotzdem hell ist, weil sie sich lieben – so wie Maria und Joseph. Wo Menschen sich auf den Weg machen, mit leeren Händen und offenen Herzen, so wie die Hirten. Bethlehem ist da, wo Reiche sich nicht darauf beschränken, noch reicher zu werden, sondern dem Geheimnis des Universums auf die Spur kommen wollen, wie die heiligen drei Könige. Und Bethlehem ist auch da, wo Menschen beieinander sitzen und so tun, als ginge sie das alles gar nichts an – wie in der Herberge, direkt neben dem Stall.
 Bethlehem ist überall, wo Menschen angerührt werden von der Liebe, wo sie beieinander sind mit ihrer Zuneigung und ihren Hoffnungen, mit ihrer Angst, ihrer Gleichgültigkeit, ihrem Zynismus und ihrer Bosheit. Wie in der Weihnachtsgeschichte. Wir hören sie so gern, weil sie von der Liebe erzählt, mitten in einer brutalen Welt.
 Bethlehem ist nicht der Ort der großen Gefühle; Bethlehem, das sind die kleinen, stillen Gesten. Josef hält zu Maria, obwohl sie nicht von ihm schwanger ist. Und er verliert kein Wort darüber. Die Hirten laufen zum Stall, ohne große Geschenke, sie bringen nur sich selbst mit. Sie zeigen: Dieses Kind ist etwas Besonderes, trotz allem. Und Maria bewahrt alles in ihrem Herzen. In den kleinen Gesten begegnet mir die Liebe im Stall von Bethlehem.
 Wenn du für einen anderen Menschen da bist, wenn du dich selbst riskierst, dann hast du den Himmel auf Erden. Das ist so einfach und doch so unendlich schwer. Wir sind allesamt keine perfekten Menschen – auch an Weihnachten 2019 nicht, so sehr wir uns auch bemühen. Unsere weihnachtlichen Zusammenführungen zeigen oft nur zu deutlich, wie wenig vollkommen wir sind. Mir hilft dann der Blick auf die grobe Krippe im Stall: Gott kommt nicht in eine perfekte Welt. Da muss nicht alles vorzeigbar sein und prächtig. Auch an Weihnachten nicht. Da muss niemand sich unter dem Weihnachtsbaum die Sorgenfalten wegschminken und die eigene Lebensbilanz beschönigen.
 Das Besondere an Weihnachten ist für mich dies: Wir empfangen an der Krippe das, wovon wir leben – Zuneigung. Gott neigt sich uns zu. Und er sagt ja, mehr noch: ein uneingeschränktes Ja. Daraus lässt sich leben – an Weihnachten und auch noch weit darüber hinaus. Christ ist geboren.
 
Frohe Weihnachten wünscht Ihnen
Ihr Holger Grünjes, Superintendent