Quergedacht

Rendezvous mit Gott

Aus dem alten Russland stammt die Legende vom heiligen Dimitrij.: Dimitrij war mit Gott verabredet, draußen in der Steppe. Er beeilte sich, um rechtzeitig zur Stelle zu sein. Da begegnete er einem Bauern, dessen Karren im Dreck festgefahren war. Sofort half Dimitrij dem Bauern, den Wagen wieder freizubekommen.
Als nun der Karren endlich draußen war, bedankte dich der Bauer, und der heilige Dimitrij machte sich wieder auf den Weg und lief zum verabredeten Ort. Aber Gott war nicht mehr da.
Die Geschichte ist für zwei Deutungen offen. Nach der ersten hat Dimitrij das Stelldichein mit Gott verpasst, weil er dem Bauern half. Und da es so viele festgefahrene Karren und hilfsbedürftige Menschen gibt, mag man folgern, bleibt keine Zeit für eine Begegnung mit Gott.
Die zweite Deutung der Geschichte lautet anders: Dimitrij hat sein Rendezvous mit Gott in der Steppe keineswegs verpasst; er war rechtzeitig zur Stelle, als er nämlich dem Bauern half, den Karren wieder flott zu machen. Hier ereignete sich seine Begegnung mit Gott!
Gott suchen und finden und dem Bedürftigen beistehen, das ist keine Alternative, das gehört zusammen.. Wenn ich Gott suche, treffe ich auf den Menschen, und wenn ich dem Nächsten beistehe, bin ich auf dem Weg zu Gott.
Festgefahrene Karren gibt es genug in der Welt, und die Hilfsbereitschaft wächst im Land, wenn Not und Mangel herrschen. Sollte sich hier ein alter Weg neu auftun, den zu finden, den das menschliche Herz seit unvordenklichen Zeiten sucht – Gott selbst?
Ich möchte einmal allen ein herzliches „Dankeschön“ sagen, die regelmäßig ehrenamtlich in unserer Gesellschaft sind.

Hartmut Lütge, Pfarrer