Quergedacht

Und ich beschließe, glücklich zu sein

Ich habe meine Tante besucht. Sie ist mittlerweile Ende achtzig. Bei ihr höre ich den neuesten Klatsch aus dem Dorf: wer heiratet oder gestorben ist.
Doch an ein böses Wort über ihre Mitmenschen kann ich mich nicht erinnern. Und wenn ich da bin, haben wir immer viel zu lachen. Bei ihr stand auf einem Kalenderblatt: Weisheit eines Mannes, der zum 100. Geburtstag gefragt wurde, warum er ein glückliches Gesicht habe: „Jeden Morgen, wenn ich aufwache, habe ich die Wahl, glücklich oder unglücklich zu sein, und ich beschließe, glücklich zu sein.“ Ja, von meiner Tante würde ich das sagen: Sie ist so ein Mensch, der morgens beschließt glücklich zu sein. Jeden Schicksalsschlag hat sie gelassen hingenommen und überall neue Herausforderungen gesehen. Und dabei hat sie ein Leben, von dem wir sagen würden: sie hat es nicht leicht gehabt: der Mann ist früh gestorben und sie hat die beiden Kinder alleine großgezogen. Stundenweise hat meine Tante in einer Gärtnerei gearbeitet. Sie klagt nicht, auch jetzt nicht, wo sie im Rollstuhl sitzt.
Und manchmal zitiert sie aus dem Kirchenlied „Wer nur den lieben Gott lässt walten“: „Was helfen uns die schweren Sorgen, was hilft uns unser Weh und ach? Was hilft es, wenn wir alle Morgen beseufzen unser Ungemach? Wir machen unser Kreuz und Leid, nur größer durch die Traurigkeit.“  Ich weiß, dass meine Tante auch so manches Mal weint und es gab lange Nächte. Doch gehadert hat sie mit ihrem Leben nie. Ihr Lebensmotto ist:
„Und ich beschließe, glücklich zu sein.“
Probieren Sie es doch auch einmal und gehen glücklich in jeden neuen Tag.

Ulrike Thiele, Pastorin