Quergedacht

Menschen kommen und gehen

Krümel sammeln sich auf dem Hemd von Mr. G, als er gedankenverloren an einem Muffin knabbert. Er sitzt in seinem Lieblingscafé, die Zeitung ungelesen auf dem Tisch, der Cappuccino wird langsam kalt, der Blick ist nach draußen gewandt. Menschen kommen und gehen. Einerseits nimmt er sie wahr; im Bruchteil einer Sekunde erkennt er ihre Gefühle, Gedanken, weiß wohin ihre Schritte sie führen. Andererseits bleiben seine Gedanken nicht an ihnen haften. Er traut sich kaum, sich zu bewegen, denn er merkt, wie der Nebel in seinem Kopf sich lichtet, und seine Gedanken langsam aber stetig klarer werden. Gleich kommt ihm eine gute Idee, er ahnt es schon. Kaum merklich fällt sein Blick auf einen Mann am Straßenrand. Die Hose ist dreckig und zerschlissen. Das, was mal ein ansehnliches Hemd gewesen sein muss, lugt unter einem unförmigen Pullover hervor. Eine löchrige Jacke schützt den Mann notdürftig vor dem Regen, der gerade einsetzt. „Ha! Das ist es!“ Denkt sich Mr. G „Der wird es!“. Ein schelmisches Grinsen breitet sich auf seinem Gesicht aus. Er klopft sich die Krümel ab und trinkt den Rest des Kaffees in einem Zug leer. Dass dieser bereits kalt und viel zu süß war, merkt er kaum. Nichts kann ihm seine gute Laune nehmen. So lange hat er gesucht, jetzt hat er ihn gefunden. Den richtigen für sein nächstes Vorhaben. Als er bezahlt, schweifen seine Gedanken noch einmal zurück zu einigen seiner vorherigen Projekte. Damals, als er dringend jemanden brauchte, der sich toll um einen neugeborenen König kümmern kann – und ihm die sehr junge, arme Frau aufgefallen ist. Eine seiner Lieblingsgeschichten. Oder natürlich einmal, als er jemanden brauchte, der eine ganze Menschenmenge davon überzeugt, ihre Heimat zu verlassen und in das gelobte Land zu ziehen. Es brauchte wahre Überzeugungskunst. Dafür hatte er den jungen Mann ausgewählt, der schon einiges an Schuld auf sich geladen hat und rhetorisch eine Niete war. Auf den ersten Blick scheinen beide Missionen zum Scheitern verurteilt. Aber das Gegenteil war der Fall. Gerade weil die Auswahl so überraschend war, war das Ergebnis umso erstaunlicher. Es freut ihn immer wieder. Diese Menschen mit Ecken und Kanten, die hat er so lieb. Immer wieder kann er sich an all dem Guten erfreuen, was er in ihnen sieht. Die erstaunten Gesichter der anderen Menschen bereiten ihm eine große Freude. Ja, immer wenn er etwas Großes vorhat, wählt er dafür die Menschen, von denen man es nicht erwartet. Wofür er den Mann in der dreckigen Kleidung ausgewählt hat? Nun, halten wir die Augen offen! Wenn Mr. G mitmischt, dürfen wir auf jeden Fall ein Wunder erwarten.

Annika Kruse, Diakonin