Quergedacht

Was ist das Leben?

Die Corona-Krise zwingt uns allen Grenzen auf. Für eine Zeit gilt nicht mehr, was bisher galt: „Immer höher, immer weiter, immer mehr.“ Wir merken, es geht auch anders - es muss gehen. In dieser Zeit der Unterbrechung frage ich mich: Wie wird es weitergehen: hektisch wie zuvor oder achtsamer? Das mag davon abhängen, wie ich den Sinn meines Lebens beschreibe. Was ist das Leben? - davon erzählt eine schwedische Geschichte:
An einem schönen Sommertag war um die Mittagszeit tiefe Stille im Wald eingetreten. Die Vögel steckten ihre Köpfe unter die Flügel, und alles ruhte. Da reckte ein Buchfink keck sein Köpfchen hervor und fragte: „Was ist das Leben?“ Eine Rose entfaltete gerade ihre Knospe und schob behutsam ein Blatt ums andere heraus. Sie sprach: „Das Leben ist eine Entwicklung.“ Weniger tief veranlagt war der Schmetterling. Lustig flog er von einer Blume zur anderen, naschte da und dort und sagte: „Das Leben ist lauter Freude und Sonnenschein.“ Drunten am Boden schleppte sich eine Ameise mit einem großen Strohhalm ab, sie ächzte: „Das Leben ist nichts als Mühe und Arbeit.“ Es hätte nun einen großen Streit gegeben, wenn nicht ein feiner Regen eingesetzt hätte, der seufzte: „Das Leben besteht aus Tränen, nichts als Tränen.“ Da flog hoch über ihnen ein Adler auf, zog seine Kreise und rief: „Das Leben ist ein Streben nach oben.“
Dann kam die Nacht. Nach einer Weile ging ein Mensch durch die leeren Straßen nach Hause. Er kam von einer lustigen Runde und sagte vor sich hin: „Das Leben ist ein ständiges Suchen nach Glück und eine Kette von Enttäuschungen.“ Nach der langen Nacht kam endlich die Morgenröte und sagte: „Wie ich, die Morgenröte, der Beginn des kommenden Tages bin, so ist das Leben der Anbruch der Ewigkeit.“
Jeder der Akteure in dieser Geschichte hat eine Teilantwort parat. Sie schauen auf das, was sie am meisten beschäftigt. Allein die Morgenröte weitet den Blick. Die Zeit der Krise gibt Anlass, weiter und tiefer nachzudenken. Und zu schauen, was für mich das Leben ausmacht.

Frank Foerster, Pastor