Quergedacht

Mit Gott auf der Gartenbank

Mein Kollege hat letzten Sonntag etwas Besonderes erlebt. Er saß gerade auf seiner Gartenbank und genoss die Ruhe, die Sonne kam sogar ab und zu ein bisschen raus. Er schloss die Augen, und auf einmal hatte er das Gefühl, dass jemand neben ihm Platz genommen hatte. Es war wie ein wunderschöner Traun, denn er spürte: Gott persönlich saß an seiner Seite. Darüber freute sich mein Kollege sehr und sagte freundlich: „Moin Gott!“
Und dann genossen sie beide die Ruhe, und mein Kollege ging seinen Gedanken nach – und schwieg. Gott wird das nicht sonderlich überrascht haben, dann er kannte meinen Kollegen ja schon sein Leben lang. Darum kamen die beiden oft mit wenigen Worten aus – erst recht, weil mein Kollege von der ostfriesischen Küste kommt.
Irgendwann fing er dann doch an, sich zu wundern. Wieso saß Gott eigentlich bei ihm auf der Gartenbank? Hatte der jetzt in diesen Zeiten nicht wirklich anderes zu tun? Auf der Intensivstation wird der doch wirklich dringender gebraucht als hier bei ihm. Oder in der Arztpraxis ein paar Straßen weiter. Ach nein, da fiel meinem Kollegen ein, dass die Praxis ja sonntags geschlossen ist.
Apropos Sonntag, das ist doch der siebte Tag. Macht der liebe Gott nicht dann auch mal frei und tut nichts? Das stand doch so in der Bibel: Als er die Welt geschaffen hatte, ruhte Gott am siebten Tag. Wieso ist er dann hier statt in seinem eigenen Zuhause? Vorsichtig blickte mein Kollege zur Seite, denn es war so still. Aber Gott saß immer noch da, er schien auch die Ruhe zu genießen und tat nichts. Ja, offensichtlich genoss Gott seinen Ruhetag.
Aber warum hier? Hat Gott kein Zuhause?
Mein Kollege räusperte sich dann doch und sagte zu Gott: „Gott, sag mal, warum bist du hier bei mir?“ Die Antwort überraschte ihn: „Wieso fragst du? Ich wohne doch hier!“

Rainer Müller-Jödicke, Pastor