Quergedacht

Genauso

Als ich in die Küche komme, schlägt mir die Hitze schon entgegen. Durch das weit geöffnete Fenster strömt die aufgeladene Sommerluft herein. Die andere Hitzequelle scheint der Ofen zu sein, aus dem Mrs. G gerade einen duftenden Kuchen holt. Ich schließe die Augen und hole einmal tief Luft, um den Geruch zu inhalieren. Dann lasse ich mich auf die Küchenbank fallen und ziehe die Knie an. Dabei streife ich die Flip-Flops ab, die auf die Fliesen klatschen. Mit einem liebevollen Blick werde ich von Mrs. G begrüßt. Als sie mein Gesicht sieht, stutzt sie.
„Ich hab‘ Hunger“ maule ich. In ihrer Mimik spiegeln sich Mitleid und Verwunderung. „Ich hatte dir doch Essen eingepackt, oder nicht?“, fragt sie. Eine Pause entsteht. „Ja, schon“, sage ich genervt. Bockig schaue ich auf meine Arme. Natürlich ist es unfair von mir, Mrs. G so zu begegnen. Das ist mir absolut klar. Leider ändert es überhaupt nichts daran, dass ich „hangry“ bin, wie sie es nennt – eine Mischung der englischen Wörter für hungrig und sauer. An diesem Tiefpunkt angekommen, hab ich mich nur schlecht im Griff.
Mrs. G legt das Geschirrtuch beiseite, das ihr gerade noch als Topflappen diente, und setzt sich zu mir. Geduldig schaut sie mich an. Ich versuche, meine Gedanken zu sortieren. „Du hast gesagt, ich soll anderen Gutes tun. Auch denen, die ich nicht so mag.“ Geduldig wartet Mrs. G, bis ich mit weiteren Einzelheiten herausrücke. „Nun ja, an und für sich möchte ich das ja auch gerne umsetzen. Ich finde ja gut, was du sagst. Aber ...“, druckse ich herum, „aber dann hab ich mein ganzes Essen weggegeben und hatte den ganzen Tag Hunger. Und weil ich Hunger hatte, hatte ich schlechte Laune und ich mag es nicht, schlechte Laune zu haben. Ehrlich gesagt finde ich deine Regel nicht so super, wenn sie mir schlechte Laune bereitet“, sprudelt es aus mir heraus.
Mrs. G nimmt meine Hand und drückt sie kurz. Sie lächelt mich an, aber es liegt kein Spott in ihrem Blick, nur Wärme. „Mein liebes Kind, die Regel, von der du da erzählst, die besteht aus einem weiteren Teil, den du wohl vergessen hast. Ich habe gesagt, du sollst deinen Nächsten lieben. Darauf beziehst du dich doch? Der Satz geht weiter mit ‚wie dich selbst‘. Ich freue mich sehr darüber, dass dir die Bedürfnisse der anderen Menschen am Herz liegen. Dass du weißt, dass andere Menschen beispielsweise nicht weniger wert sind als du. Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass deine Bedürfnisse genauso zählen und du ebenfalls viel wert bist – nicht weniger als die anderen. Um dich selbst sollst du dich auch kümmern: Teilen heißt nicht, der andere bekommt alles und du bekommst nichts. Du brauchst auch nicht immer nachzugeben und nicht alles mit dir machen zu lassen. Denn du bist genauso viel wert.“
Ich grüble noch ein wenig über ihre Worte nach, während Mrs. G aufsteht und ein großes Stück vom Kuchen abschneidet. Ich grüble immer noch, als sie mir den Kuchen auf einem Teller hinschiebt, aber meine Laune wird schon etwas besser und langsam kann ich mich mit meinen Gedanken versöhnen. Als ich am nächsten Tag meine Tasche öffne, um meine Brotdose herauszuholen, finde ich einen Notizzettel darauf. „Wie Dich selbst …“ steht da geschrieben. Ich muss lächeln. Den Zettel werde ich auf jeden Fall aufbewahren. Und vielleicht gelingt es mir ja sogar, diese Wahrheit zu verinnerlichen. 

Annika Kruse, Diakonin