Quergedacht

Segen

Mein Professor in Heidelberg war ein brillanter Prediger. Selbst bei der trockensten Theorie, die er uns Studierenden in der Vorlesung näher bringen musste, war es ein Genuss, ihm zuzuhören, weil er so praxisnah lehren konnte. Ich spürte, dass er auf seinem Weg auf den Lehrstuhl nicht nur in Bibliotheken gesessen hatte, sondern auch etliche Jahre in einer ganz normalen Gemeinde als Pastor gearbeitet hatte.
Davon erzählte er immer wieder gern – auch von seinem allerersten Predigtfan. Richtig stolz sei er gewesen, als er gemerkt hätte: Die eine treue Gottesdienstbesucherin schafft es jeden Sonntag wieder, ihren Mann mitzubringen, der ihn immer so freundlich anschaute. Nach mehreren Monaten habe er dann das Ehepaar endlich mal besucht. Die Frau erzählte, dass ihr der Glaube Kraft gibt, auch in Krisenzeiten sei es für sie immer wieder gut zu hören, dass Gott sie auch da hindurch trägt. Und im Gottesdienst sei es schön, einander in diesem Glauben zu bestärken, weil sie nicht zuletzt erkenne, dass sie mit ihrem Glauben nicht alleine sei.
Mein Professor hatte die ganze Zeit den Ehemann beobachtet und sich gewundert, dass der nichts sagte. Bestimmt ein Denker, meinte er, und fragte ihn, welche theologischen Ausführungen ihn denn besonders in seinen Predigten interessierten. Weit habe der Mann die Augen geöffnet, aber nur unverständlich gemurmelt. Und dann beide Arme ausgebreitet – wie beim Segen.
Er selbst sei völlig irritiert gewesen, berichtete mein Professor – und dann habe ihm die Frau gesagt: „Haben Sie das noch gar nicht bemerkt oder gewusst: Mein Mann hatte vor ein paar Jahren einen schweren Schlaganfall, der kann nicht mehr hören und nun leider auch nicht mehr sauber sprechen. Wir sind wirklich durch ein sehr tiefes Tal gegangen, und er besonders. Aber irgendwann hat er dann den Gottesdienst als Kraftquelle entdeckt – aber nicht Ihre Predigt, wie Sie denken. Nein, mein Mann kommt nur wegen einer einzigen Sache: Er kommt, um sich am Ende den Segen abzuholen, wenn er sieht, dass Sie die Arme dabei ausbreiten und auch ihm Kraft von Gott zusprechen.“

Rainer Müller-Jödicke, Pastor