Quergedacht

Eine göttliche Idee

Mit einem lauten Knall fällt die Haustür hinter mir zu. „Ich bin zuhause“, rufe ich halbherzig in den leeren Flur. Ich schlüpfe aus den Schuhen, den Rucksack schleudere ich missmutig aufs Bett. Die Jacke lasse ich an Ort und Stelle fallen und schlurfe Richtung Wohnzimmer. Kurz bevor ich an der Tür ankomme, drehe ich nochmal um und hänge die Jacke auf. Nicht, weil ich ordentlich wäre und auch nicht, weil ich so erzogen wurde. Aber Mrs. G mag das nicht, und ich will sie nicht enttäuschen. So kratze ich meine letzte Energie zusammen, um ihr diesen Gefallen zu tun. Dann aber überquere ich die Schwelle ins Wohnzimmer und lasse mich aufs Sofa plumpsen. Die Hebelwirkung reicht gerade noch aus, um meine Füße in Bewegung zu bringen und auf der Lehne landen zu lassen.
Mr. G kommt rein und reicht mir wortlos ein Glas Wasser. Nicht ganz die Flüssigkeit, auf die ich gehofft hätte, aber natürlich ist seine Wahl die weisere. Er setzt sich auf den Sessel. Geduldig und liebevoll schaut er mich an. Eine Geborgenheit umhüllt mich, die mich kurz vergessen lässt, wie kaputt und ausgeschlaucht ich bin. „Ich hab keine Lust mehr aufs Arbeiten“, rücke ich dann mit der Sprache raus. „Wie machst du das nur?“, frage ich ihn neugierig und frustriert zugleich. „So viel zu tun und immer noch Spaß daran zu haben, meine ich.“
Mr. G überschlägt die Beine und legt die gefalteten Hände in den Schoß. Kurz wartet er ab, ob ich noch mehr loswerden oder tatsächlich eine Antwort hören möchte. Ich drehe mich auf dem Sofa um, lege die Hände unters Kissen und schaue ihn an.
„Erinnerst du dich an die Geschichte von damals, ganz am Anfang, als ich mein besonderes Projekt erdacht und geschaffen habe?“ Kurz muss ich in meinen Gedanken kramen, aber ich vermute ich weiß, was er meint. „Als du sechs Tage und Nächte durchgearbeitet hast um all das hier zu erschaffen? Das Land, die Lichter, die Tiere, die Menschen und so?“, frage ich. Sein Nicken gibt mir Recht. „Hab ich dir auch erzählt, was am siebten Tag passierte?“ Ich spitze die Ohren. Bisher habe ich immer viel über die Tage eins bis sechs gestaunt und ließ mir jede Idee und Umsetzung haarklein erzählen. An das Danach habe ich noch keinen Gedanken verschwendet.
Mr. G sieht wohl das große Fragezeichen in meinem Gesicht, denn er spricht weiter. „An Tag sieben habe ich mich ausgeruht und mir alles nochmal angeschaut, was ich geschaffen und geschafft habe. Es war wirklich gut geworden. Tag sieben war genauso wichtig wie jeder Tag davor. Ich konnte mich sehr darüber freuen. Das hat gut getan.“
In meinem Kopf bildet sich der Gedanke, dass Ruhe anscheinend gar nicht nur ein menschliches oder faules Bedürfnis ist – sondern vielleicht eine kluge und göttliche Idee. Ich schmunzele, als mir in den Sinn kommt, das beim nächsten Gespräch unter Freunden anzuwenden: „Und was hast du am Wochenende so gemacht?“ – „Ach, ich hatte göttliche Momente.“
Mr. Gs Worte holen mich aufs Sofa zurück. „Wie du weißt, ging es auch danach lebhaft weiter. Mit Adam und Eva und Mose und Abraham und Maria und Josef und jeder Zeitungsleserin und jedem -leser. Aber dieser siebte Tag, der ist mir wirklich heilig.“ Mr. Gs Sätze schwirren noch in meinem Kopf umher, als mir langsam leichter ums Herz wird und die
Energie in meinen Körper zurück fließt. „Das mit der Ruhe zwischendurch ist eine gute Idee“, denke ich mir. „Und die wirksamste Ruhe, das ist die in Mr. Gs Nähe.“

Annika Kruse, Diakonin