Quergedacht

Zeit und Ruhe

Seit einem halben Jahr beschäftigt uns das Coronavirus. Es hat unser Leben in vielen Teilen verändert. Auch die Reisegewohnheiten in diesem Sommer. Werden wir Deutschen sonst regelmäßig unserem Ruf als Reise-Weltmeister gerecht, so ist es in diesem Jahr völlig anders. Viele Menschen nehmen von einer Urlaubsreise Abstand. Vielleicht ist das eine Gelegenheit, einmal über unsere Urlaubsgewohnheiten nachzudenken.
Urlaub bedeutet, Zeit zu gewinnen für vieles, was sonst im Alltag zu kurz kommt, Atem zu schöpfen für all das, was an Veränderung nach der Urlaubszeit auf uns zukommt (vielleicht steht ein Schul-, Wohnungs- oder Arbeitsplatzwechsel an), eine neue Phase der Entspannung, Ruhe und Besinnung zu erfahren, neu zum Partner / zur Partnerin zu finden, die Kinder ganz neu entdecken, uns in der Erholung das zu holen, was in der Tretmühle des Alltags auf der Strecke zu bleiben droht und... Urlaubs- und Ferienzeit laden ein, zur Begegnung zu kommen, zur Begegnung mit uns selbst, mit anderen, auch ganz anderen Menschen und Kulturen, mit dem Leben, mit der Natur und nicht zuletzt auch mit Gott, der in allem, was ist, auch seine Spuren hinterlassen hat.
„Alles wirkliche Leben ist Begegnung!" sagt der jüdische Philosoph Martin Buber. Wahre Begegnung aber gelingt nicht im Vorübergehen, im Rausch der Geschwindigkeit oder im oberflächlichen Wahrnehmen event-gesteuerter Wirklichkeit. Zur echten Begegnung benötigen wir Zeit und Ruhe, brauchen wir Einkehr und Einhalten, Verweilen und gelingende Kommunikation. Es gilt, Platz zu nehmen bei sich selbst, in der Runde der mir anvertrauten Menschen, beim Leben zu sein, in der Nähe Gottes zu verweilen und neue Kraft zu schöpfen. Wollen wir uns nicht selbst verlieren und menschlich wie mitmenschlich auf der Strecke blieben, benötigen wir Ruhephasen im Leben. Lassen wir uns von daher in der Urlaubszeit verwandeln, um mit allem gebotenen Abstand zu neuen und wahrhaftigen Begegnungen zu finden.

Hartmut Lütge, Pfarrer