Quergedacht

Sie haben Post

Als der Wecker klingelt, ist Paul immer noch müde. Mühsam öffnet er die Augen. Durch den Spalt der Gardinen kann er sehen, dass draußen alles weiß ist. „Sieht aus wie meine Waffeln – alles voller Puderzucker“ denkt Paul, und grinst ein bisschen in sich hinein. Aufstehen will er trotzdem nicht. Schule nervt. Sich alles selber beibringen nervt. Mama um Hilfe bitten, wenn sie selber arbeiten muss nervt. Das unzuverlässige Internet nervt. Seine Freunde nicht zu treffen, nervt. Als Mama ihn einige Minuten später zum Frühstück ruft, steht Paul missmutig auf und gibt sich geschlagen. Am Küchentisch möchte er am liebsten den Kopf auf die Tischplatte fallen lassen und weiterdösen. Noch während ihm die Augenlieder schwer werden, entdeckt er etwas. Neben seinem Frühstücksbrettchen liegt etwas. „Schau mal, Paul, das hab ich im Briefkasten gefunden“, sagt Mama und lächelt ihn an. Ungläubig nimmt Paul den Brief in die Hand. „Wieso bekomme ich Post?“, denkt er bei sich. Doch dann reist er den Umschlag schnell auf. Zwei Seiten Papier fliegen heraus, dazu eine handvoll Bonbons. Er faltet den ersten Zettel auf und streicht ihn glatt. „Lieber Paul,“ ist da zu lesen, „ich finde es sehr schade, dass wir gerade nicht mehr in den Pausen spielen können. Mit dir hat Schule viel mehr Spaß gemacht. Damit es trotzdem nicht so langweilig ist, hab ich dir ein paar meiner Lieblingswitze in Geheimschrift aufgeschrieben. Die sind auf dem anderen Zettel. Wenn du sie alle entschlüsselt hast, kannst du mir ja schreiben. Liebe Grüße, deine Emma“. Strahlend blickt Paul auf. Emmas Witze sind die besten. Wenn der Schultag endlich um ist, will er sich den Rätseln widmen. „Und morgen verschicke ich selber Post“, murmelt er vor sich hin. Während er in sein Brot beißt, macht er sich im Kopf schon eine Liste. „Eine Postkarte für Oma und Opa, damit sie nicht nur Rechnungen bekommen. Von den Bonbons schicke ich ein paar meinem Cousin, der isst die genauso gerne. Und dann überlege ich mir neue Rätsel für Emma, in einer anderen Geheimschrift. Endlich mal etwas, was ich ohne Internet machen kann.“
Und so gab es im Umfeld von Emma und Paul immer mehr leuchtende Augen, und die Postzustellenden bekamen immer mehr zu tun. Paul stellt fest: „Briefe schicken macht richtig Spaß.“

Annika Kruse, Diakonin Emmaus- und St. Paulus-Kirchengemeinde