Quergedacht

Osterglaube auf dem Prüfstand

Seit mehr als einem Jahr beschäftigt uns das Coronavirus. Menschen müssen mit erheblichen Beeinträchtigungen in Schule, Beruf und Freizeit leben. Die Impfkampagne will nicht so richtig in Fahrt kommen. Unzählige Menschen sind bereits an Covid-19 erkrankt oder daran verstorben.
Angesichts solcher Katastrophen ist es schwer über Ostern und die Auferstehung zu schreiben. Für viele Menschen ist der Glaube an die Auferstehung nur eine reine Wunschvorstellung. „Es wäre schön, wenn es sie gäbe.“
Dass unser Sterben nicht das Ende ist, dass es weitergeht mit uns, dass wir verwandelt werden und uns nach dem Tod wiedersehen werden, ist ja auch schier unglaublich. Schon die ersten Zeugen der Auferstehung Jesu konnten nicht fassen, was sie da erlebten. Zum Osterglauben gehörten schon damals Zweifel und Unsicherheit. Angesichts der großen und kleinen Katastrophen scheint mir kein Platz zu sein für himmelhochjauchzende Begeisterung und unerschütterliche Sicherheit. Der Weg führt auch in Tiefen, wo es schwer fällt, Ja zur Auferstehung zu sagen.
Immer wieder erlebe ich solche Situationen. Wo eine Frau mit der Nachricht fertig werden muss, dass ihr Mann nie mehr nach Hause kommen wird. Sinnlos und leer erscheint das Leben für Eltern, deren Kind plötzlich gestorben ist. Die Botschaft von der Auferstehung klingt hier wie eine billige Vertröstung. Jedem von uns fallen weitere Beispiele ein.
Meine Hoffnung auf die Auferstehung und das Weiterleben bei Gott wird immer wieder auf dem Prüfstand stehen. So sehr ich jetzt vielleicht noch vom Jubel an Ostern getragen bin, so sehr kann diese Begeisterung vielleicht schon morgen bedroht sein. Ich glaube, dass es in dieser Frage wichtig ist, ehrlich und aufrichtig zu sein. Wir müssen auch die Zweifel, Ängste und Unsicherheiten durchleben. Nur so kann unser Glaube an die Auferstehung, an ein Ziel bei Gott in unserem Leben wachsen. Ich habe die Hoffnung, dass ich mich eines Tages in die offenen Hände des lebendigen Gottes fallen lassen kann, und dass ich nicht untergehen werde, sondern in seiner Liebe geborgen bin.

Hartmut Lütge, Pfarrer Katholische Pfarrgemeinde Liebfrauen