Quergedacht

"Und ich beschließe, glücklich zu sein"

Zufrieden und glücklich lächelt meine Tante in die Kamera. Ja, so werde ich sie in Erinnerung behalten: zufrieden und glücklich. Vielleicht erinnern Sie sich an ihr Lebensmotto:
„Jeden Morgen, wenn ich aufwache, habe ich die Wahl, glücklich oder unglücklich zu sein, und ich beschließe, glücklich zu sein.“
Sie hat den Krieg überlebt, ihr Ehemann ist früh gestorben, die Kinder alleine großgezogen und jetzt eine Pandemie erlebt. Doch auch in dieser Zeit des Ausnahmezustandes hat sie nicht aufgegeben, glücklich zu sein.
Mit Abstand waren die Besuche, der Seniorenkreis fand nicht statt, und es gab keinen Besuchsdienstkreis. Der Kontakt zu den Mitmenschen hat ihr sehr gefehlt. Das konnte auch die Familie nicht ersetzten. Doch sie hat die Herausforderung durch Corona angenommen. Und jeden Morgen hat sie, wie immer in ihrem Leben, beschlossen glücklich zu sein. Das Telefon war ihr Kontakt nach außen und im Sommer 2020 fanden die Besuche draußen im Garten statt. Ein bisschen hat sie auch an den Kauf eines Tablets gedacht. Vielleicht war telefonieren und sich dabei anschauen schöner!
Zum Tablet-Kauf ist es nicht mehr gekommen. Mit Ende 80 konnte sie ihr Leben auch loslassen. Und in der Pandemie hatte meine Tante eine kleine Beerdigung ohne Gesang. Doch wir haben in Gedanken beim Lied „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ mitgesungen: „Was helfen uns die schweren Sorgen, was hilft uns unser Weh und ach? Was hilft es, wenn wir alle Morgen beseufzen unser Ungemach? Wir machen unser Kreuz und Leid, nur größer durch die Traurigkeit.“
Und ich habe immer ihre Haltung zum Leben bewundert:
„Und ich beschließe, glücklich zu sein.“
Probieren Sie es doch gerade in dieser Zeit einmal aus und gehen glücklich in jeden neuen Tag.

Ulrike Thiele, Pastorin Matthias-Claudius-Gemeinde