Quergedacht

Ein paar Sekunden

Was war das denn? Er war schon aus der Wohnungstür raus und wollte nur eben schnell mit dem Rad zum Briefkasten. Doch es ging nicht: Er kam einfach nicht weiter. Irgendwas hielt ihn fest. „Es fühlte sich so an, als wenn mich jemand beim Schopf gepackt hatte, so dass ich nicht weiterkam und kurz auf der Treppenstufe stehen bleiben musste“, erinnerte er sich – als wäre es erst gestern gewesen. Er zögerte ein paar Sekunden: Nein, in die Wohnung zurück musste er nicht nochmal, er hatte ja den Brief in der Hand; Fahrradschlüssel, Portemonnaie und Handy waren in der Jackentasche. Ja dann also los!
Sogleich stieg er auf sein Rad und sauste davon: Die Straße runter, an der Hauptstraße rechts ab, durch die Kurve, und dann noch einen halben Kilometer bis zum Bäcker – und schon war er am Ziel. Er warf den Brief ein und radelte wieder zurück.
Auf einmal donnerte auf der großen Hauptstraße ein riesiger Lastkraftwagen mit Anhänger an ihm vorbei. Vom Fahrtwind kam er durchaus ins Schleudern, doch er fing sich schnell wieder. Aber dann blieb ihm auf einmal fast das Herz stehen: Denn er sah, wie der Wagen viel zu schnell in die Kurve hinein raste, und so mächtig wackelte, dass kam, was kommen musste: Der schwere Anhänger stürzte um und fiel einfach um: auf den Fahrradweg. Gott seid Dank stand oder lief dort gerade keiner, den der Wagen unter sich hätte begraben können.
Er hielt an, stieg vom Rad und besah sich die Unfallstelle. Intuitiv griff er in die Tasche und rief die Polizei. Einen Krankenwagen brauchte es nicht, denn der unglückliche Fahrer war unverletzt: Der Wagen selbst stand noch. Doch je länger er sich die Unfallstelle ansah, desto klarer formte sich ein Gedanke in seinem Kopf: Was wäre gewesen, wenn er ein paar Sekunden früher durch eben diese Kurve geradelt wäre? Dann läge er nun unter dem Wagen, das hätte er nicht überlebt.
Ein paar Sekunden nur. Und in dem Moment fiel ihm ein, dass er ja eigentlich ein paar Sekunden früher dort gewesen wäre – hätte, ja hätte er nicht auf der Treppe das Gefühl gehabt, dass jemand ihn beim Schopfe gepackt und kurz aufgehalten hätte.

Rainer Müller-Jödicke, Pastor Martinskirchengemeinde