Quergedacht

Versüßen schadet auch nicht

So schnell seine kurzen Beine ihn tragen können, läuft der kleine Paul um die Ecke. Dort holt er tief Luft, bevor er sich kichernd an die Hauswand drückt, um vorsichtig um die Ecke zu schielen.
„Was schaust du dir da an?“ hört er eine wohlvertraute Stimme sagen. Erschrocken dreht Paul sich um. Er hat gar nicht mitbekommen, dass Mr. G sich zu ihm gesetzt hat. „Ich … ähm… hab Klingelstreich gespielt“, rückt Paul mit der Sprache heraus – wenn er Mr. G anschaut, kann er einfach nicht lügen. Ein Lächeln huscht über Mr. Gs Gesicht. „Ich wette, du machst das nie“ rutscht es Paul etwas frustriert und beschämt heraus. Mr. Gs Blick schweift in die Ferne. „Was gefällt dir am besten daran?“, fragt er. „Es macht Spaß, wenn die Menschen sich so wundern“, erklärt Paul mit einem Schulterzucken. Eine Weile sitzen sie so beieinander. Paul nimmt einen Kieselstein auf und dreht ihn in der Hand umher. „Das mag ich auch“, bricht Mr. G das Schweigen schließlich. „Es macht Spaß, Pläne zu schmieden. Ich stelle mir gerne vor, wie die Menschen wohl reagieren werden. Ich frage mich, ob sie drauf kommen werden, dass ich es war.“ „Ja, genau“, stimmt Paul freudestrahlend zu. „Das mag ich auch! Also findest du nicht, dass ich aufhören muss?“, fragt er misstrauisch. „Ich denke, dass du sogar noch besser darin werden kannst“, schmunzelt Mr. G. „Besser?“, fragt Paul erstaunt. „Besser sind nur noch Mamas Schokoladenmuffins mit Spezialfüllung. Die sind in der ganzen Nachbarschaft bekannt“, lacht er laut. Freundlich zwinkert Mr. G ihm zu. „Da lässt sich doch etwas draus machen.“ Mit diesen Worten steht er auf und lässt Paul verdutzt zurück. Einen Moment lang bleibt er noch sitzen und grübelt. „Mr. G will doch immer, dass wir gut zu anderen Menschen sind. Aber wenn die Leute die Tür öffnen und niemand ist da, dann ärgern sie sich. Da müsste man schon – ooooh.“
Am nächsten Tag sieht man Paul wieder um die Ecke flitzen. Gut versteckt beobachtet er gerade noch, wie seine Nachbarin verwundert den Muffin aufhebt. Es dauert einen Augenblick, doch dann lächelt sie. „Danke“ ruft sie ins Leere. Paul strahlt. Die anderen Streiche haben ihm Spaß gemacht. Aber sie zu versüßen schadet auch nicht, stellt er zufrieden fest.

Annika Kruse, Diakonin Emmaus- und St. Paulus-Kirchengemeinde