Quergedacht

Loslassen fällt nicht leicht

Da stehen sie nun zusammen auf dem Schulhof. In ihrer besten Kleidung, mit sauberen Schuhen und frisch gekämmten Haaren. Ihre Aufregung versuchen sie, so gut es geht, zu verbergen. Doch die leichte Rötung ihrer Gesichter verrät sie, genauso wie das nervöse Wippen von einem Fuß auf den anderen. Es scheint, als wüssten sie nicht so recht, was jetzt zu tun ist. Ihre Kinder sind längst in die Klassenräume gegangen. Diesen neuen Ort entdecken sie ohne ihre Eltern, die sie auf dem Schulhof zurückgelassen haben. Und diese Eltern wirken ein wenig überrascht, dass ihnen das Loslassen gar nicht so leicht fällt. Weil sie nun deutlich spüren, dass sie doch gerne noch ein wenig länger an der Seite ihrer Kinder geblieben wären. Einfach um sicherzugehen, dass es ihnen auch wirklich gut geht.
Ob Gott sich wohl auch so gefühlt hat? Damals, als er Adam in den Garten Eden setzte und ihm die Freiheit gab, sein Leben selbst zu gestalten und eigene Wege zu gehen. War es da schwer für Gott, den Dingen ihren Lauf zu lassen und nicht ständig einzugreifen? Hat er sich womöglich sogar Ausreden überlegt, um häufiger mal vorbeizuschauen? Und wie geht es ihm jetzt wohl mit seiner Entscheidung? Wird es mit der Zeit leichter, sich selbst zurückzunehmen und nicht mehr alles in der Hand zu haben?
Mit einem Mal ist das Pausenklingeln zu hören und die Schultür öffnet sich wieder. Die Kinder strömen heraus und rennen zu ihren Eltern. Froh, dass die gewartet haben, um sie in Empfang zu nehmen, und voller Begeisterung über das, was sie drinnen erlebt haben. Alle reden aufgeregt durcheinander und die Eltern strahlen über die eifrigen Berichte.
Ich danke dir, Gott! "Du hast mir Raum zum Leben verschafft" (Psalm 31,9).

Miriam Folkerts, Vikarin Emmausgemeinde