Quergedacht

Respekt

Als Pastor gehört es zu meinen Aufgaben, zusammen mit den Angehörigen einem verstorbenen Menschen das letzte Geleit zu geben. Ich gehe dann mit dem Trauerzug hinter dem Sarg über den Friedhof zur Grabstelle. In diesem Sommer konnte ich dabei nach über zwanzig Jahren in Langenhagen das erste Mal beobachten, dass zwei ältere Frauen, die auf einer Bank am Wegesrand saßen, sich erhoben haben und stehend den Sarg und die Trauergemeinde haben vorüberziehen lassen. Auf dem Rückweg habe ich kurz bei den beiden angehalten und mich dafür bedankt. Denn leider ist es meistens so, dass Leute, die zufällig auf dem Friedhof sind, sich in dieser Situation wegdrehen oder einfach so tun, als würden sie den Trauerzug nicht bemerken. Nicht wenige zupfen sogar in aller Seelenruhe das Unkraut auf ihrem Familiengrab weiter und strecken dabei den Trauernden ihr Hinterteil entgegen.
Die beiden Frauen, die sich respektvoll erhoben hatten, erzählten mir übrigens, dass sie Spätaussiedler aus Russland wären und von ihren Eltern gelernt hätten, dass sich das so gehöre. Ich konnte dem nur zustimmen und schämte mich ein wenig dafür, dass die meisten Menschen in Langenhagen das offenbar nicht mehr wissen. Unsern Konfirmandinnen und Konfirmanden jedenfalls versuche ich beizubringen, dass sie einem Trauerzug mit Respekt begegnen sollen. Es hat keinen Zweck, sich vor dem Tod zu verstecken oder davor wegzulaufen. Natürlich kann mir das einen Schrecken einjagen, wenn ich unvermittelt einen Sarg sehe. Aber es ist auch eine Chance sich mit dem Unvermeidlichen auseinanderzusetzen. Es führt mir sehr deutlich vor Augen, dass auch ich einmal diesen Weg gehen werde. Und ich wünsche mir und uns allen, dass das in Würde geschehen wird.

Torsten Kröncke, Pastor Elisabethkirche