Quergedacht

Die Ankunft verzögert sich

Ich stehe und warte auf dem Hauptbahnhof am Gleis. Es ist Ankunftszeit - Advent. Der auf den ich warte, wird hoffentlich bald da sein. Ich bin gespannt, denn der Anlass seines Kommens ist wichtig. Für mich hängt viel Hoffnung davon ab. Aber: Bringt der Zug ihn wirklich mit? Kommt er überhaupt an? Es ist wie im Advent dieses Jahres. Wir warten auf Weihnachten. Aber: Bringt diese Corona-Zeit wirklich das freudige Ereignis des Jahres? Werden unsere Hoffnungen und Wünsche erfüllt, oder müssen wir mit der Wirklichkeit des vergangenen Jahres vorlieb nehmen?
Der Täufer Johannes, der im Gefängnis sitzt. hatte von den Taten Jesu gehört. Deshalb bittet er durch Freunde um Antwort auf seine Frage: "Bist du es, der da kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?" Johannes sitzt auf einem Abstellgleis. Er ist in die Warteposition geschoben worden. Er ist in bedrohlicher Situation. Seine Hoffnung ist, dass Jesus die Hilfe ist, auf die er so sehnlichst wartet. Mich erinnert dies in diesem Jahr erneut an unsere Situation zwischen Mutlosigkeit und Hoffnung. Bekommen wir die Corona-Situation in den Griff. Können wir wenigsten zu Weihnachten ein wenig Hoffnung auf Entspannung haben.
Es ist die Stimme des Stationsvorstehers, die mich aus meinen Gedanken reißt: "Achtung, Achtung, der Zug auf Gleis 12 hat Verspätung die Ankunft verzögert sich...!" Bei der Deutschen Bahn ist damit zu rechnen. Aber auch bei meinen Hoffnungen. Ich habe es befürchtet und höre schon nicht mehr ganz hin. Ich will es einfach nicht glauben. Noch länger warten, einsam am Gleis in der Kälte. Und ich war mir so sicher, dass in diesem Jahr alles wieder nach Plan geht. Hätten sich doch nur alle impfen lassen. Hätte die Politik schneller reagiert. Hätte, hätte…
"Bist du der Hoffnungsträger, den wir erwarten?" Die Frage des Johannes ist klipp und klar. Die Antwort von Jesus ist es nicht. Jesus hält die Antwort offen. In seiner souveränen Art lässt er sich auf keine Rolle festlegen, die vor ihm und unabhängig von ihm festgeschrieben war. Man sollte ihm nicht eine Rolle zuteilen, die er nicht selbst konzipiert hat. Übertragen heißt das für uns: Wir können nicht unsere eigene Verantwortung an irgendeiner Glaubenstür ablegen und sagen: Jesus macht das schon. Bei Solidarität und Nächstenliebe sind wir gefordert. Das betrifft dann wiederum die Impfpflicht in Corona-Zeiten. Natürlich spielt Jesus eine Rolle. Und wo kämen wir hin, wenn Jesus in unserer Welt keine Rolle spielen würde?! Nicht unentschieden gelassen hat Jesus übrigens die andere Frage, ob Johannes auf einen anderen warten soll. Jesus gibt zu verstehen: "Vergeblich wartet, wer auf einen anderen als auf mich wartet" Die Urchristen haben dies mit dem Ausruf “Marana tha“ ausgedrückt (1.Kor 16). Das bedeutet: „Unser Meister, kommt!“ Das ist die Hoffnungszusage - auch in diesem Advent.
Falk Wook, Pastor der Evangelisch - lutherischen Kirchengemeinde Zum Guten Hirten, Godshorn