Quergedacht

Ein Engel kommt selten allein

Zwei steinerne Engel blickten durch das Fenster der Eingangstür. Sie schauten so freundlich, dass ich mich über ein Winken ihrerseits nicht gewundert hätte. Ich klingelte, um meinen Besuch anzukündigen. Ein Gesicht, welches noch freundlicher als die Engel schaute, öffnete mir die Tür. Es gehörte zu einer älteren Frau, schätzungsweise Anfang 80. Die Augen offenbarten Lachfalten hinter dem braunen Brillengestell, über dem braun getönte Haare zu einer flotten Lockenfrisur geföhnt waren.
Ich ging rein, sie bot mit Süßes und einen Weihnachtstee an. Wir unterhielten uns. Sie sprach von ihren Enkeln und Kindern, ihren Freunden und Bekannten. Es war eindrücklich, wie viel Kraft sie trotz fortgeschrittenen Alters noch hatte, wie viel sie unterwegs war und was sie alles für ihre Lieben tat. Dann zeigte sie mir noch ihre weihnachtliche Dekoration. Die vielen Dekoartikel waren wunderschön, aber es fiel mir etwas anderes auf. Überall im Haus, in jedem Zimmer, aber auch in allen Ecken und auf der Terrasse, waren Engel, kleine, große, dicke. Manche waren mit blonden, anderen mit dunklen Haaren versehen. Fast alle schauten so freundlich wie sie selbst, andere wirkten so, als würden sie gleich sagen: „Fürchte dich nicht!“
Sie erwähnte die Engel aber mit keinem Wort. Daher fragte ich sie: „Sie haben ja überall Engel im Haus! Was bedeuten ihnen Engel?“ Die Frau schaute nun ganz überrascht und blickte sich kurz um. So als würde sie die ganzen Engel zum ersten Mal sehen. „Die sind mir nach und nach so zugeflogen. Wissen Sie, früher konnte ich nicht viel mit Engeln anfangen. Doch im Alter, fragt man sich, was einem wichtig ist, was einem Kraft gibt, worauf man sich verlassen kann.“ Der Überraschung folgte wieder ein herzliches Lächeln. Sie hatte so viele kraftspendende Schutzengel gefunden, dass sie selbst zu einem Engel geworden war, für ihre Kinder und Enkel, für Freunde und Bekannte.

Hendrik Hundertmark, Vikar Martinsgemeinde Engelbostel-Schulenburg